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Wallisertiitsch für spione

Von Yaël Debelle

Wener das hie nid chennet läsu* und de no en Ami siid und Schpion fo Brüef, de heider Päch kä. Dische Text isch nummu eppis fer Schwiizer Öigu. Es geht nämlich um nichts Geringeres als die künftige Strategie der Spionageabwehr, die die Schweiz womög- lich in den nächsten Jahren einführen wird.

Dafür braucht es keine IT-Sicherheitsexperten und auch keine abhörsicheren Handys, sondern bloss die Fähigkeit, Walliserdeutsch zu sprechen und zu verstehen – das jedenfalls schlägt Albert A. Stahel vor. Der Leiter des Instituts ür Strategische Studien will zurück zu den «Würzu», pardon, Wurzeln: Der Bundesrat solle wichtige Belange in Walliserdeutsch bereden. «Dann kapitulieren die US-Spione, denn die USA können sich keine vollangestellten Sprachspezialisten leisten, die Walliserdeutsch entschlüsseln können», sagt Stahel zum «Blick».

Ausserdem solle man für wichtige Geschäfte wieder Briefe schreiben. Die Bedeutung von Geschwindigkeit in der Kommunikation werde überschätzt, so der Sicherheitsexperte. Die Neuentdeckung der Langsamkeit: Berner Politiker und Chefbeamte dürfte das freuen. Stahel hat den Trick allerdings schon an die Nachbarn verraten: Im Interview mit der deutschen «Huffington Post» legt Stahel Merkel und Konsorten Ähnliches nahe – wer versteht denn schon Bayrisch, Sächsisch oder Berlinerisch?

Nach ein paar Jahrzehnten digitaler Ära steht nun also ein Paradigmenwechsel an: Analog 2.0 lautet die Devise. Die Russen sind schon eingespurt: Der Geheimdienst FSO hat vor kurzem 20 alte deutsche Schreibmaschinen erworben. Bereits heute werden geheime Berichte für den Verteidigungsminister nur auf Papier verfasst.

Doch nicht nur Geheimdienste, sondern auch andere mafiöse Organisationen verwenden altmodische Techniken. Die sizilianische Cosa Nostra töggelt wichtige Infos nicht in ihre Smartphones, sondern kritzelt sie auf sogenannte Pizzini, kleine Notizzettel. Zur Datenvernichtung werden diese schlicht und einfach aufgegessen.

So tat es auch der Mafiaboss Daniele Emmanuello: Bevor er 2007 von den Carabinieri erschossen wurde, schluckte er seine Pizzini. Nur dumm, dass bei der Autopsie die Schnipsel im Magen gefunden und zusammengesetzt werden konnten. Die Hinweise führten zur Festnahme mehrerer Clanmitglieder. Hätte Emmanuello seine Zettel auf Walliserdeutsch geschrieben, hätten die Rechtsmediziner zwar länger gebraucht, geschafft hätten sie es wohl trotzdem.

Ob analog oder digital – alles lässt sich rekonstruieren. Deshalb empfehlen wir nicht Wallisertiitsch, sondern Fussballerdeutsch. Die Kunst, Worte aneinanderzureihen, ohne dass eine Information entsteht. Das ist die sicherste Methode, um den US-Geheimdienst NSA zu torpedieren – frei nach Franz Beckenbauers Spielprognose «Es gibt zwei Möglichkeiten: Sieg, Unentschieden oder Niederlage».

Unseren Politikern dürfte das Erlernen von Fussballerdeutsch leichter fallen als dasjenige von Wallisertiitsch. Sie müssten einfach hinter den Kulissen so sprechen, wie sie das in der Öffentlichkeit ohnehin gern schon tun: inhaltsleer.

*Für Nicht-Schweizer: Wenn Sie das hier nicht lesen können, dazu auch noch Ami sind und Spion von Beruf, dann haben Sie Pech gehabt. Dieser Text ist nur für Schweizer Augen bestimmt.

Publiziert im Beobachter 23 / 2013

Credits:

Created with images by suju - "sheep bleat communication"

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