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Denken in Projekten Von Michael Ertel

Der klassische Auftraggeber-Lieferanten-Modus ist in der Automotive-Branche aufgehoben, die industrielle Gegenwart verlangt nach Entwicklungspartnerschaften und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Oberfränkische Unternehmen bündeln ihre ingenieurtechnischen und kaufmännischen Kompetenzen in zielorientierten, abteilungsübergreifenden Teams. Die Firmen Rapa und Gealan haben dafür eigens Projekthäuser errichtet. Beide haben erkannt: Nur die frühzeitige, enge Bindung an die Kundeninnovationen und die zu erwartenden Applikationen garantiert auch in Zukunft sichere Aufträge in der Serienproduktion.

Elektromobilität, autonomes Fahren, digitale Vernetzung: Diese Themen haben die diesjährige IAA dominiert. Die Autobauer präsentierten im Scheinwerferlicht großflächiger Showrooms ihre Designstudien und Prototypen einer automobilen Zukunft. Und wer in der Branche von den Visionen für das kommende Automobil-Jahrzehnt profitieren will, sucht den Schulterschluss und die Kooperation mit den Herstellern bereits in den Entwicklungsphasen. Bei Rapa in Selb und Gealan in Oberkotzau spricht man von der gleichen Realität: Wer sich als Zulieferer allein auf seine klassische Rolle als Standardkomponenten-Geber verlässt, wird schnell den Anschluss verlieren.

Ein Auftrag von Mercedes Benz gibt den Anstoß: Rapa (Rausch & Pausch GmbH, Selb), Entwickler und Hersteller von Ventilsystemen, wird Mitte der 80er Jahre zu einem Automobilzulieferer. Heute sind nach Firmenangaben die in großer Bandbreite produzierten Produkte weltweit in 80 Prozent aller Autos der Premiummarken vertreten: als hydraulische Impulsspeicher der Start-Stopp-Systeme, in den Steuerungen der Cabrioverdecke oder in hydraulischen Aktiv-Fahrwerken. „Innovative Entwicklungen für die Automobilindustrie sind unser Kerngeschäft“, schreibt Rapa über sich selbst.

Rocco Kemnitz und Werner Döhla von Rapa

Damit die mehr als 30-jährige Automotive-Historie weiterhin erfolgreich bleibt, folgt man einer substantiellen Branchenerkenntis: „Wir haben gelernt, dass wir nicht warten können, bis der Kunde sagt: Macht mal ein Produkt mit folgenden Eigenschaften“, beschreibt sie Technikbereichsleiter Werner Döhla. „Wir müssen schon weit im Vorfeld bei den Herstellern lauschen, welche die Bedarfe in der Zukunft sein könnten und in welchen Segmenten die Aufträge vergeben werden.“

Das heißt: Rapa möchte früh die Trends erkennen, was die Kunden in drei oder fünf Jahren benötigen. Und Zentrum dieses strategischen Vorgehens ist seit 2016 ein Projekthaus. Ein echtes „Haus“ ist es nicht – aber eine ca. 1.800 Quadratmeter große, tageslichtdurchflutete Dachgeschossebene einer neuen Halle. Im eindrücklichsten Sinne ein „Großraumbüro“, in dem mittlerweile fast 150 hochqualifizierte Ingenieure, Techniker und Kaufleute in einer Vielzahl einzelner Teams zusammenarbeiten.

Interdisziplinäre Teams und direkte Kommunikation

„Wir stellen sehr applikationsspezifische Produkte her und müssen in der Entwicklungsarbeit möglichst schnell agieren“, erklärt Rocco Kemnitz. Der Ingenieur ist seit sechs Jahren Leiter einer elfköpfigen Vorentwicklungsabteilung, die „aus einem potentiellen Megatrend der Zukunft ein Produkt entwickelt“. „Für unsere Arbeit ist es geradezu unerlässlich, zwischen den vielen internen Schnittstellen eine räumliche Nähe und damit eine direkte Kommunikation herzustellen.“ Durch dieses effiziente, interdisziplinäre Arbeiten, bei dem Abteilungsgrenzen aufgehoben und Entscheidungswege kurz sind, erbringt man bei Rapa Produktentwicklungen in Vorleistung. Im Boot sitzen Entwicklungsingenieure und Fertigungsplaner ebenso wie Kollegen aus dem Vertrieb und dem Einkauf.

So formt man Teams, die ohne direkte Kundenverträge in die Zukunft arbeiten. Das Ergebnis sind an den künftigen Kundenwünschen und Märkten ausgerichtete Produkte, die im Auftragsfall schnell in Fertigung gehen können. „Damit zeigen wir unseren Kunden, dass wir ihre Anforderungen erkennen und dafür die richtigen technologischen Beiträge leisten können“, betont Werner Döhla. „Das verschafft uns eine gute Startposition, wenn es dann um die Auftragsvergaben für die Serienproduktion geht.“

Entwicklungspartner in Zukunftsprojekten

Wichtige Säule des Projekthauses sind zudem die Entwicklungspartnerschaften mit den Kunden auf der Basis bereits geschlossener Verträge. Beispiel: E-Mobilität. Rapa realisiert gemeinsam mit einem Premium-Autobauer ein aktives System zur Fahrwerksregulierung für ein Fahrzeug der Oberklasse, das 2018 beim Endkunden in Serie gehen wird. Allein diese Projektmannschaft zählt knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Produkt- und Prozessentwickler, Qualitätsingenieure, Einkäufer und Lieferantenmanager.

Die Bedeutung dieser Entwicklungsteams spiegelt sich auch im Projekthaus der Firma Gealan Formteile in Oberkotzau wider. „Inzwischen sind wir bei mehr als 80 Prozent unserer Aufträge als Entwicklungspartner aktiv, bevor die Aufträge später in Serie gehen“, betont geschäftsführender Gesellschafter Thomas Fickenscher. Dem Hersteller von Spritzgußteilen und Kunststoff-Baugruppen war der Zuwachs im Entwicklungs- und Projektgeschäft eine Investition von knapp zwei Millionen Euro wert.

Auf 1.650 Quadratmetern und zwei Etagen arbeiten in dem modernen Neubau 90 Mitarbeiter aus den verschiedensten Fachrichtungen in vier Projektteams zusammen: Vertrieb, Key Account Management, Qualitätsmanagement, Projektmanagement und Entwicklung. Thomas Fickenscher: „Die detaillierte und intensive Vorplanung unserer Spezialisten in den Business Units ist mittlerweile unerlässlich, um die hohen Qualitätsstandards der Automobilindustrie abzusichern.“ Und das interdisziplinäre Wirken hat noch einen weiteren Vorteil: Die Entwicklungsarbeit wird auf eine breitere Basis gestellt. Denn im strategischen, in die Zukunft gerichteten Blick haben Gealan und ebenso Rapa auch eine größere Branchendiversität.

Created By
Michael Ertel
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