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Die geheime Fabrik Sauerstoff ist ein gefragtes Gut zu Corona-Zeiten. In Russikon wurde dieser während 18 Jahren produziert - in der einzigen Sauerstofffabrik im Kanton Zürich. Ein Rundgang.

Auf halbem Weg zwischen Madetswil und Wildberg, kurz nach dem international bekannten Schmierstoffhersteller Panolin, befindet sich eine grosse Wiese mit einer kleinen Holzhütte in der Mitte. Einige Meter weiter unten ist ein grosses Tor, dessen Holz in den letzten Jahren unter Wind und Wetter gelitten hat. Die Betonwände daneben wurden von Sprayern als Leinwand gebraucht.

Dass die unscheinbare Holzhütte eine grosse Rolle spielt für jenes Treiben, das sich jahrelang hinter dem Tor abspielte, kann man sich im ersten Moment kaum vorstellen. Auf 700 Quadratmetern erstreckt sich dort die militärische Anlage A 67130 – eine ehemalige geheime Sauerstofffabrik der Schweizer Armee. Diese diente dem Militär in Krisenzeiten dazu, Medizinalsauerstoff herzustellen, um die Militärspitäler zu versorgen.

Die ehemalige Sauerstofffabrik in Madetswil bei Russikon ist die einzige, die je im Kanton Zürich existierte. Der Holzschopf oberhalb des Tores spielte bei der Produktion eine wichtige Rolle.

Zu Zeiten der Corona-Krise ist der Bedarf an Sauerstoff stark angestiegen. Weil Spitäler auf den Intensivstationen zur Behandlung von Covid-19-Patienten Beatmungsgeräte einsetzen, könnte ein Versorgungsengpass drohen, befürchten verschiedene Experten. Trotz dieser Situation kann die Fabrik in Russikon nicht mehr in Betrieb genommen werden – die Maschinen wurden nach der Stilllegung verkauft (siehe Box). 

Zwölf Jahre später steht Christian Egloff vor dem Tor der ehemaligen Fabrik. Er ist Präsident der militärhistorischen Gesellschaft des Kantons Zürich, welche die Anlage in Russikon vor kurzem erworben hat. Ziel ist es, dort künftig Gegenstände und Sammlerstücke aufbewahren zu können. Egloff weist darauf hin, dass sich in Teilen der Anlage militärisches Material befindet, das nicht fotografiert werden darf. Dann öffnet er die Tür.

Christian Egloff verschafft sich Zutritt zur ehemaligen Fabrik. Diese ist seit kurzem in Besitz der militärhistorischen Gesellschaft des Kanton Zürichs, die von Egloff präsidiert wird.

Anders als erhofft befinden sich dahinter weder gelagerte Waffen noch grosse Maschinen, sondern nur eine Ladefläche. Hier wurden die Sauerstoffflaschen auf die LKWs geladen und in die Spitäler gebracht, wie Christian Egloff sagt.

Hier wurden die Sauerstoffflaschen auf die Militärlastwagen geladen und dann in die Spitäler geliefert.

Während er erzählt, schliesst er die nächste Tür auf, die vor ihm liegt – und die schon ein wenig eindrücklicher daher kommt: Eine dicke Bunkertür, ähnlich wie man sie aus den Luftschutzkellern von Wohnhäusern kennt. Dahinter kommen noch einmal zwei ihrer Art zum Vorschein. «Zuerst passieren wir jetzt eine Druck-, dann eine Luftschleuse», so Egloff. Erst, wenn die äusserste Tür geschlossen war, durfte die zweite geöffnet werden. «So wäre verhindert worden, beispielsweise im Kriegsfall, dass Druckwellen von einer Explosion ins Innere der Anlage gelangen konnten.»

Drei Bunkertüren, zwei Schleusen - erst, wenn sie diese passiert hatten und mit Luft «geduscht» wurde, durften die Soldaten die Anlage betreten.

Die Anlage in Madetswil war zwischen 1990 und 2008 in Betrieb, ungefähr drei Wochen pro Jahr. Dabei wurden täglich rund 130 grosse Sauerstoffflaschen abgefüllt. «Möglich wäre das nicht nur während drei Wochen, sondern an 300 Tagen im Jahr gewesen», weiss Christian Egloff. Dieses Szenario war aber dem Kriegsfall oder einer anderen Krisen vorbehalten. Zu normalen Zeiten war das Abfüllen von Sauerstoff eine Art Wiederholungskurs (WK), wie sie auch heute noch üblich sind – deshalb war die Anlage nur drei Wochen pro Jahr in Betrieb.

Zehn bis zwölf Soldaten befanden sich während dieser Zeit jeweils in der Sauerstofffabrik. Wenn sie nicht gerade an der Arbeit waren, vertrieben sie sich die Zeit im Aufenthaltsraum. Eine Küche, Toilette, Waschgelegenheit und ein Schlafsaal – mehr gab es nicht. Geheizt wurde mit Elektroöfen. «Hier unten herrschten konstant etwa 12 Grad. Nicht gerade die Wunschtemperatur, um einzuschlafen», so Egloff.

Der Aufenthaltsraum der Sauerstofffabrik war jener Ort, wo die Soldaten ihre Freizeit verbrachten. Es herrschte eine konstante Temperatur von etwa 12 Grad.

Wo damals der Schlafsaal war, befindet sich heute die Uniformensammlung der militärhistorischen Gesellschaft des Kantons. Die Hochbetten wurden herausgerissen. Nichts zeugt mehr davon, dass sich in diesem Raum Menschen aufgehalten haben – ausser einer kleinen, quadratischen Tür mit der Aufschrift «Verseuchter Raum»: Das war der Notausgang.

«Diese Tür durfte nur benutzt werden, wenn es zu einer Katastrophe im Inneren der Anlage gekommen wäre, wie Feuer oder Explosion», so Egloff. Ansonsten war es streng verboten, sie auch nur einen Spalt weit zu öffnen – dann wäre nämlich Luft von draussen in die Anlage gedrungen. «Das durfte auf keinen Fall passieren, da diese ja mit Chemikalien oder Kampfstoffen verseucht hätte sein können.»

Um über den Notausgang nach draussen zu gelangen, musste man eine Leiter hochklettern und dann über den Aufenthaltsraum und Schlafsaal kriechen, ungefähr 15 Meter, ehe man auf der anderen Seite wieder nach unten stieg und, durch eine kleine Eisentüre neben dem grosse Eingangstor, ins Freie gelangte. «Ein kleiner Hindernislauf», sagt Egloff und lacht.

Öffnete man den Notausgang, kam man in diesen Raum. Um raus zu gelangen, mussten die Soldaten die Leiter auf der linken Seite hochklettern und über den Aufenthaltsraum und Schlafsaal kriechen.

Der Notausgang war nicht der einzige Ort, der «verseucht» war mit Frischluft. Denn um Sauerstoff zu gewinnen, braucht man erst einmal frische Luft – wobei jetzt wieder die kleine, unscheinbare Holzhütte vom Anfang ins Spiel kommt. Das war nämlich nicht einfach eine Hütte, wie Egloff sagt – darunter verbirgt sich der Schacht, über den die Luft für die Sauerstoffproduktion angesogen wurde.

Dieser ist heute abgedeckt mit Brettern und Folie, damit keine warme oder feuchte Luft in die Anlage eindringt. Der Schacht ist etwa 20 Meter tief – und vom Inneren der Anlage kaum zu sehen. «Diese Gitterwaben vor uns schützen die Anlage vor elektromagnetischer Strahlung, wie sie bei Blitz, Atom- oder Laserwaffen vorkommt.»

Der unscheinbare Holzschopf oberhalb des Bunkers spielte eine der wichtigsten Rollen: Über ihn gelangte Luft in die Fabrik, aus dieser dann der Sauerstoff entzogen wurde.
Die Gitterwaben, angeleuchtet von Christian Egloff, schützten den Schacht vor elektromagnetischer Strahlung, wie sie bei Laser-, Blitz-, oder Atomwaffen vorkommt.

Die Frischluft, die über den Schacht angesogen wurde, wurde dann in dafür vorgesehenen Maschinen gereinigt und komprimiert, bevor ihr der Sauerstoff entzogen und dieser in die Flaschen abgefüllt wurde. Bewegten sich die Soldaten zwischen den Arbeits- und ihren Aufenthaltsräumen oder der Laderampe fort, mussten sie sich in den Schleusen dazwischen immer wieder einer «Luftdusche» unterziehen – es galt, alle Räume unbedingt sauber zu halten. «In einer Luftschleuse mussten sie sich bis zu 10 Minuten aufhalten», so Egloff.

Nicht nur die Schleusen fallen auf, sondern auch runden Klappen an den Wänden, die man in der ganzen Fabrik immer wieder zu Gesicht bekommt. «Druckschutzklappen», wie Egloff sagt. «Bei einer Explosion hätten diese die Druckwellen abgefangen.»

Die Druckschutzklappen sind in der ganzen Fabrik verteilt. Einige von ihnen sind mittlerweile mit Styropor abgedeckt.

Heute hat man keine schlimmeren Konsequenzen zu befürchten, wenn in einer der Räume ein wenig Frischluft eindringt – trotzdem versuchen Christian Egloff und seine Leute, das zu vermeiden. Deswegen wurden einige Druckluftklappen auch mit Styropor zugedeckt. «Warme Aussenluft würde an den kalten Betonwänden kondensieren, was die Entfeuchtung erheblich erschweren würde.» Es sei ihr Ziel, die ganze Anlage möglichst gut in Schuss zu halten, um als Lager für ihr historisches Militärmaterial brauchen zu können.

Die ehemalige Sauerstofffabrik der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist nicht geplant, wie Egloff sagt. «Höchstens vielleicht eine einmalige Führung für die Madetswiler und Russiker, damit sie wissen, was sich auf ihrem Gemeindegebiet befindet: Die einzige Sauerstofffabrik im Kanton Zürich, die je existierte.»

Christian Egloff möchte die Anlage der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen. Höchstens ein einmaliger Rundgang für die Russiker zieht er in Betracht.

Die Sauerstofffabrik in Madetswil war zwischen 1990 und 2008 in Betrieb. Nach der Stilllegung und Entlassung aus der Geheimhaltung wurden die Maschinen nach Tschechien verkauft. Warum sie damals vom Netz genommen und die Maschinen ins Ausland verkauft wurden, weiss Christian Egloff nicht.

Text: Talina Steinmetz / Bilder: Christian Merz / Hier geht es zurück zur Website.