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Aufs Dach gestiegen

Aufs Dach gestiegen

2021 beteiligt sich die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege an der Finanzierung der Neueindeckung der Großen Kirche in Leer / Ostfriesland.

Große Kirche in Leer / Ostfriesland

Leer im Laufe der Jahrhunderte

Die Reformation wurde durch den 1525 aus Münster vertriebenen Prediger Lübbert Cansen nach Leer gebracht. Die Lutheraner, die anfangs mit den Reformierten gemeinsam in Leer lebten, wurden allmählich aus dem Ort verdrängt. Die reformierte Gemeinde übernahm die Verwaltung des Marktfleckens und wurde sehr wohlhabend. Einen großen wirtschaftlichen Aufschwung brachte im 16. Jahrhundert die Stiftung von zwei Märkten durch den ostfriesischen Landesherrn Graf Edzard den Großen sowie der Zuzug zahlreicher während des niederländischen Freiheitskampfes vertriebener Reformierter und Mennoniten, durch die sich die Leinenweberei entwickelte.

Eine weitere wirtschaftliche Blüte erlebte Leer Im 18. Jahrhundert, vor allem aber nach 1808, als das Emder Stapelrecht aufgehoben wurde. Der Marktort, der erst 1823 zur Stadt erhoben wurde, wurde einer der Haupthäfen der Heringsflotte.

Eine romanische Kirche

Leer gehört zu den ältesten christlichen Missionsstätten Ostfrieslands. Hier soll der Friesenmissionar Liudger, der von Karl dem Großen zum „Lehrer“ über fünf friesische Gaue bestellt worden war, gewirkt haben. Aus romanischer Zeit stammte die St. Liudger-Kirche, die einen älteren Holzbau ersetzte. Die baufällig gewordene Kirche, die ohnehin durch die allmähliche Verlagerung des Ortes in Richtung des Hafens allmählich an die Peripherie geraten war, wurde 1785 abgebrochen. Erhalten blieb aus Gründen der Pietät lediglich die zweischiffige gewölbte Krypta mit zweiapsidialem Ostabschluß.

Ein Neubau nach niederländischem Vorbild

Als Standort für den Neubau wurde eine zentralere Stelle gewählt. Dort wurde die Große Kirche von 1785 bis 1787 errichtet. Der achteckige Grundriss in Form eines griechischen Doppelkreuzes spiegelt die reformierte Theologie wider, der zufolge die Verkündigung des Wortes Gottes den Mittelpunkt der Kirche bildet. Planung und Bauleitung wurde dem Zimmermeister Isaak Wortmann aus Leer übertragen, der sich mit seinem Entwurf an der Neuen Kirche in Emden sowie der Noorderkerk in Amsterdam orientierte.

Noorderkerk in Amsterdam

Der Turm wurde im Jahre 1805 vollendet und ist ein allseits sichtbares Wahrzeichen der Stadt Leer. Die Große Kirche ist die Hauptkirche der „Evangelisch-reformierten Kirche - Synode evangelisch-reformierte Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland“.

Ein reformierter Predigtraum

Kirchenraum und Kanzel der Großen Kirche in Leer

Der Kirchenraum mit seinem hölzernen Gewölbe wurde 2012 umfassend instandgesetzt und präsentiert sich in der Schlichtheit einer evangelisch-reformierten Predigtkirche mit umlaufender Emporenanlage. Der romanische Taufstein stammt vermutlich aus der Vorgängerkirche, älter auch die schöne, zentral angeordnete Renaissance-Kanzel von 1609, auf die die Gestühlsblöcke ausgerichtet sind. Die repräsentative, breitgelagerte Orgel ist die größte in Ostfriesland. Immer wieder erweitert, stammt ihr ältester Pfeifenbestand aus dem 16. Jahrhundert.

Eine denkmalpflegerische Dachdeckung

Die Große Kirche ist außen und innen weitgehend original erhalten. Lediglich kleine Eingriffe stören nur unwesentlich die Gesamterscheinung.

Eine Ausnahme bildet allerdings die Dachdeckung: Bis in die 1960er Jahre war das Kirchendach mit schwarz glasierten Tonhohlpfannen gedeckt. Grate und Firste waren mit Bleiblech abgedeckt, die mit ihrer weißen Patina einen eindrucksvollen Kontrast zu den schwarzen Dachflächen bildeten.

Oben: Dach der Großen Kirche in Leer. Unten: Niederländisches Beispiel mit historischer Dachdeckung: Hervormde Kerk in Niewolda

Solche Dachdeckungen waren in früherer Zeit, so Architekt Ejnar Tonndorf, auf besonderen Gebäuden ein Ausdruck von Eleganz und Vornehmheit. Außerdem waren diese Pfannen durch die Glasur zwar teurer, aber auch länger haltbar.

Tonndorf weist auch darauf hin, dass man in Holland schon sehr früh den großen Reiz solcher historischen Dachdeckungen erkannt und entschieden hat, bei notwendigen Neueindeckungen die wertvollen alten Dachpfannen vorsichtig abzunehmen und sie auf einem regendichten Unterdach neu zu verlegen. Diese Chance hat man in Leer in den 1990er Jahren nicht genutzt, sondern bei der Neueindeckung braune Betondachsteine gewählt, die aktuell porös sind. Die Dachdeckung ist undicht, und die noch originalen Bleiabdeckungen von Firsten und Graten sind gerissen, so dass Wasser eindringen kann.

Dem Vorschlag von Architekt Tonndorf folgend, sollen bei der anstehenden Neueindeckung über einem Unterbau aus Holzschalung und wasserführender Schalungsbahn wieder die denkmalpflegerisch angemessenen schwarz glasierten Tonhohlpfannen verlegt werden. Die den Kirchenraum überspannende Holztonne wird vorher mit einer Zellulosedämmung versehen.