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Ein Käsehobel gehört nicht mit in den Wald

Text und Bilder: Lea Luttenberger, Layout: Leonie Thiel.

Was wirklich keinen Spaß macht, ist in der Dämmerung halbgare Spagetti zwischen Tannennadeln vom Waldboden zu sortieren. Weil das Leben voller Überraschungen steckt, fand ich mich dennoch vor Kurzem bei dieser Tätigkeit wieder. Es lud zu Kindheitsnostalgie ein, in Erinnerung an viele Stunden Aschenputtel spielen – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Außerdem warf es in meinem Kopf wieder einmal die Frage auf, ob ich nicht vielleicht doch an Karma glaube.

Ich war mit einer Freundin im finnischen Wald wandern. Beim Planen der Route hatte ich versucht, sie davon zu überzeugen, lieber auf dem Hauptwanderweg zu bleiben, weil ich sicher war, dass alle begehbaren Wege eingezeichnet waren. Um Menschenmassen zu meiden, wollte sie aber gern auf der Skiroute wandern. Schon bald standen wir bis über die Knöchel eingesunken mitten in einem Moor, das sich sicher wunderbar befahren lässt, wenn es zugefroren unter einer meterhohen Schneedecke liegt. Der Moment zeichnete sich besonders dadurch aus, dass es mir selten so auf der Seele brannte, mit Nachdruck klarzumachen, dass ich es vorher gesagt hatte. Ich hatte es nämlich gewusst, dass der Weg nicht geeignet war und es laut für alle hörbar gesagt, aber natürlich wollte wieder niemand auf mich hören. Wir stapften selbstverständlich auch schon etwa fünf Kilometer durch das Moor, in der festen Zuversicht, dass es sich schon bald in einen Weg verwandeln würde. Das tat es nicht und so standen wir umgeben von Moos und Matsch vor der Entscheidung, ob vor oder zurück. Ich bemühte mich wirklich, mich zusammenzureißen, aber auf die Frage, wie es mir ginge, konnte ich mir ein „Naja, ich ärgere mich ein bisschen, weil ich ja gesagt habe, dass der Weg nicht zum Wandern da ist, aber ist schon okay, wir machen einfach das Beste draus“, verbunden mit einem tiefen Seufzer, nicht verkneifen. Einmal mit Profis arbeiten, so wie mir, dachte ich mir im Geiste und bemitleidete mich ein bisschen.

Eine kleine Illustration von Lea Luttenberger der prekären Situation im Moor.

Wir machten eine frustrierte Pause auf einer kleinen Oase aus festem Boden, bei der wir in einer Krisensitzung alle Optionen durchgingen, die wir hatten. Wir stapften schließlich weiter, weil uns ein langsames Vorankommen im Vergleich zu einem langen, beschwerlichen Rückweg immer noch als das kleinere Übel erschien. Ein paar hundert Meter später wurde der nasse Boden dann zum trockenen Waldweg, auf dem wir entspannt, fröhlich pfeifend entlanglaufen konnten. Das war keine der vielen Optionen gewesen, die wir durchgegangen waren. Beflügelt von dieser unerwarteten Wendung aßen wir nur ein Käsebrot für den drängenden Hunger. Den Käsehobel hatte mich meine finnische Freundin beim Gewicht reduzieren nicht aussortieren lassen, aber das ist eine andere Diskussion. Unsere schon sehr leeren Mägen willigten in der Aussicht auf ein warmes Essen einsichtig ein, noch zehn Kilometer weiterzumarschieren. Alle jubilierten gleichermaßen, als einige Stunden später unsere Hütte zwischen den Bäumen durchschimmerte. Noch nie haben wir so schnell unsere Rucksäcke ausgepackt und ein Feuer gemacht. „Ich stelle den Kocher hier auf den Boden“, sagte Heli, bevor sie aufs Klo ging. Ich lag auf der kleinen Bank draußen, die Füße in die Luft gestreckt, ließ meine Schultern atmen und die Luft um meinen Kopf pusten. Als ich ein Geräusch hinter der Ecke hörte, richtete ich mich abrupt auf, fing mich gekonnt mit beiden Händen an der Bank ab und riss im gleichen Atemzug mit meinen Füßen geschickt den Topf vom Gaskocher. Die ganze Nudelpracht ergoss sich über den Waldboden. Ich schaute. Heli schaute. Unsere Bäuche knurrten unzufrieden in dem unguten Verständnis, was das Geschehene bedeutete. „Sie hat es gesagt“, schoss mir durch den Kopf. „Sowas kann passieren, das war ein Versehen, fühl dich nicht zu schlecht“, hörte ich Heli sagen, bevor sie anfing, Nudeln vom Waldboden aufzusammeln. Wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich wohl mindestens einen Todesblick aufgesetzt, wenn nicht noch dazu hörbar entnervt aufgestöhnt. ich schämte mich ein bisschen doppelt. Zum einen für meine Tollpatschigkeit und zum anderen, dass ich vorhin so ungehalten gewesen war. Ich setzte mich dazu, sortierte die guten ins Töpfchen und die schlechten als Denkzettel hinter meine Ohren.

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Campuls Hochschulzeitung
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Credits:

Erstellt mit einem Bild von adrian - "Olympic National Park"