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Innovation beginnt mit Loslassen Perry Timms

Es fällt uns so schwer loszulassen. Wir Menschen – und Berufstätigen – sind das Produkt einer Vielzahl von Dingen, die sich in unseren Köpfen, Herzen und Seelen festgesetzt haben.

Unsere Ansichten und Überzeugungen, ja unsere „Wahrheiten“ sind von unseren Erfahrungen und unserem Bild von der Welt geprägt. Dazu brauchen wir uns nur die Ergebnisse von Referenden und Wahlen aus der letzten Zeit anzuschauen, die allen Vorhersagen von „Experten“, Numerologen, Analysten und Trendspottern trotzen. Denn wir haben Prinzipien, Überzeugungen, Werte und Wahrheiten. Manches wurde uns beigebracht oder eingetrichtert. Wir sind parteiisch. Wir haben Vorurteile. Wir stützen uns auf Vermutungen. Wir sind so unberechenbar wie eh und je, trotz Big Data, Verhaltensökonomie und Algorithmen.

Dieses Festhalten, dieses Sich-eingraben und In-Deckung-gehen ist das perfekte Rezept, um NICHT innovativ zu sein. Aber loszulassen – die Angst zu spüren und dennoch fortzufahren, der Angst die Spitze zu nehmen, Vorurteile zu revidieren – das ist der Weg, wie Innovation gedeihen kann. Schauen wir auf unser Wirtschaftssystem. Etwa alle acht Jahre verfällt die Welt in einen konvulsiven Schockzustand. Das Platzen der Dot.com-Blase 2000, Subprime-Hypotheken 2008, Brexit und Trumponomics 2016? Wenn uns das bewusst ist, warum tun wir dann nichts dagegen? Ein bisschen am Wirtschaftsmodell herumflicken, um die schlimmsten Abstürze zu verhindern – das ist ja wohl kaum echtes Blackbox-Denken. Flugschreiber auswerten sieht anders aus.

Ein Problem hier ist, dass wir nicht loslassen, uns nicht von unseren hergebrachten Glaubenssätzen und Überzeugungen trennen können, die nur unsere innovative Energie binden und uns den Weg versperren. Wir kleben an unseren Vorteilen und Annahmen und sind nicht bereit, dem Denken freien Lauf zu lassen. Wir klammern uns an unsere Überheblichkeiten, Ängste und Doktrinen, anstatt uns mit Neugier und frischen Ideen auch in schwieriges Terrain vorzuwagen und auch vor Achterbahnfahrten nicht zurückzuschrecken.

Wenn es aber so einfach ist loszulassen, warum fangen wir nicht einfach damit an? Nun – dass wir es nicht tun, hat teils neurowissenschaftliche und teils systemische Gründe. Wir sind von Natur aus so veranlagt, dass wir die einfachen Denkwege bevorzugen, um nicht mehr mentale Energie aufwenden zu müssen als nötig. Und wenn wir etwas WISSEN, fällt es uns schwer, dieses Wissen rückgängig zu machen, so dass unser Denken über weite Strecken quasi vorprogrammiert ist.

Schnell sind wir auch mit der Annahme oder dem Vorurteil zur Hand: „Wenn es so einfach ist, dann hat es bestimmt schon ein anderer gemacht“. Nun ja, irgendwer ist immer der Erste; aber was zwingt uns anzunehmen, das seien stets „andere“? Die Denken/Tun-Lücke beweist, dass ein solches spekulatives Denken uns nur im Weg steht.

Angenommen, wir haben dies jetzt begriffen und wollen wirklich loslassen, um mit der Innovation beginnen zu können – wie machen wir das? Dafür existiert ein hervorragendes Modell: C. Otto Sharmers Theorie U. Im Rahmen seiner Forschungen und seiner Lehrtätigkeit am MIT hat Sharmer ein U-förmiges Modell entwickelt. Dieses „U“ beschreibt den Weg des Loslassens – dem Überbordwerfen unproduktiver, aber tief in uns verwurzelter Denk- und Verhaltensweisen – über einen Punkt, den Sharmer als Sensing (Wahrnehmung) bezeichnet in eine Aufwärtskurve der Erfindung und Neugeburt, wo Innovation zum Schlüssel für die Entdeckung eines neuen Selbst/einer neuen Art zu leben sein wird.

Das Modell lässt sich auf Einzelpersonen, Teams, Organisationen, Sozialunternehmen, Regionen, gesellschaftliche/politische Reformen und kulturelle Wandlungsprozesse anwenden. Es umfasst drei zentrale Funktionsprinzipien: Aufgeschlossenheit im Denken, im Fühlen und im Wollen. Offen zu sein für neue sinnliche Erfahrungen und Wahrnehmungsprozesse in uns selbst. Mit ihrer Hilfe in unserem Umfeld das zu verändern, was uns negativ beeinflusst oder uns einengt.

Die Reise beginnt mit dem „Download“ unserer bisherigen Muster. Damit ist gemeint, dass wir eine Art Inventar unserer Verhaltensweisen, Überzeugungen, Gewohnheiten und Normen anlegen. Es beschreibt unsere innere Stimme, die urteilt und bewertet. Die Reise setzt eine sehr ehrliche Selbsteinschätzung und eine Wahrnehmungsübung voraus, mit der wir bestimmen, welche der Punkte auf unserer Inventarliste berücksichtigt und verändert werden müssen. Der nächste Abschnitt auf der U-Kurve ist die Richtungsänderung. Durch die kritische Stimme in uns spüren wir hier erneut, wie es ist, dem eigenen Denken und Sein eine neue Richtung zu geben. Nahe dem tiefsten Punkt des U begegnen wir der Stimme der Angst und gestatten uns nunmehr loszulassen.

Dieser Aspekt ist es, der Menschen veranlasst, nicht nur über persönliche oder systemische Veränderung, sondern über Innovation nachzudenken. Können wir wirklich innovativ sein, solange wir nicht loslassen?

Nokia ließ nicht los ... verzichtete nicht auf Symbian als Betriebssystem. Bis Android und iOS ihm den Garaus machten. Mochte sich Nokia auch noch so sehr um Innovation bemühen und eine Partnerschaft mit Windows eingehen – es war zu spät. Nokia hätte früher loslassen müssen, um zu echter Innovation zu finden. Natürlich gibt es noch Hunderte weiterer Unternehmen, die früher hätten loslassen müssen, aber das würde den Rahmen sprengen. Nur wer loslässt, kann innovativ sein.

Um Ihre Prozesse und Ihre Politik der Personalbeschaffung innovativ umzugestalten, müssen Sie zuerst auf Ihre Gewissheit, Fixierung und Überzeugung verzichten, dass ein dreiköpfiges Gremium und kompetenzbasierte Fragen das beste Mittel sind. Was ist, wenn diese gar nicht existierten? Wenn Sie an ihrer Stelle etwas völlig Neues schaffen müssten?

Loslassen ist die Befreiung des lateralen Denkens, das Entrinnen aus dem Gefängnis der Gegenwart und der radikale Verzicht auf die Geborgenheit des Vertrauten. Theorie U mündet anschließend übrigens in die Aufwärtsrichtung des Kommenlassens – des Zulassens neuer Erfahrungen, neuer Ideen, neuer Personen, neuer Faktoren, neuer Überzeugungen, gefolgt von der Kristallisation (der Verdichtung aller dieser Komponenten in einer Vision und einer Intention), dem Prototyping (einer klassischen Innovationsmethode), der Verkörperung (der Vision/Intention) und schließlich dem Performing, dem In-die-Welt-bringen der neuen Gewohnheiten, Denkweisen, Regelmechanismen oder was auch immer.

Der Mensch ist jedoch ein Gewohnheitstier, dem das Loslassen schwer fällt. Aber vielleicht kann man das Loslassen ja erlernen. Hier gibt es folgende drei Tipps:

1. Beschäftigen Sie sich eingehender mit der Theorie U – die hier gelieferte Momentaufnahme wird diesem wunderbaren Werk in keiner Weise gerecht.

2. Machen Sie sich Gedanken zu Ihrer eigenen Reise in Richtung Innovation – was brauchen Sie, um loszulassen, sich durch das U vorzuarbeiten und schließlich zu ganz neuen Performing-Levels vorzustoßen? Sie müssen selbst die Meisterschaft im Loslassen entwickeln und

3. zugleich ein Verfechter des Loslassens werden, der andere mit der Nase auf all die Dinge stößt, an die sie sich krampfhaft klammern, anstatt loszulassen.

Denn solange wir nicht loslassen, werden wir vielleicht niemals die Leichtigkeit und die erhebende Kraft echter Innovation verspüren.

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