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Von der Digitalisierungsidee zur wirtschaftlichen Wertschöpfung Von Michael Ertel

Mit dem Institut für Informationssysteme (iisys) hat die Hofer Hochschule für angewandte Wissenschaften ein praxisorientiertes IT-Lab geschaffen. Der Auftrag: enger Partner der Wirtschaft bei der Digitalisierung sein. Ob Handwerksbetrieb oder international tätiger Mittelstand: „Wir sind Dienstleister der Region und unsere Türen stehen allen offen“, betont die Geschäftsführerin Anne-Christine Habbel im Interview.

Sehr geehrte Frau Habbel, die Digitalisierung ist ein großes, weites Feld. Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Anne-Christine Habbel: Wir haben sechs Forschungsgruppen, die alle mit Professoren besetzt sind. Ich persönlich sehe mich in der Rolle der „Außenministerin“, die nach draußen geht und erzählt, was unser Haus eigentlich so macht. Und dabei geht es mir vor allem um unser Selbstverständnis: Wir sind Dienstleister in der Region, der die Firmen und die regionale Wirtschaft auf dem Weg der Digitalisierung mitnimmt. Mit dieser Aussage und Aufgabe knüpfe ich an meine frühere Tätigkeit als oberfränkische eBusiness-Lotsin an: Geh’ in die Region und sage, welche Bedeutung die Digitalisierung hat und wie man sie entwickeln kann.

Sie machen das Institut nach außen publik. Mit Erfolg?

Anne-Christine Habbel: Meiner Meinung nach schon. Das Haus gibt es seit 2011. Als ich vor fünf Jahren an Bord gekommen bin, war das iisys noch rein wissenschaftlich orientiert und hat geforscht. Der Unterschied heute ist: Wussten früher die Leute nicht einmal, wo sich das Institut befindet und womit es sich befasst, sind wir jetzt in der Öffentlichkeit bekannt und man weiß, dass das Haus offen steht. Das haben wir mit vielen Veranstaltungen und öffentlichkeitswirksamen Projekten sowie einer engen Vernetzung mit den regionalen Akteuren der Wirtschaft und der Politik erreicht. Außerdem sind unsere Professoren oft in Oberfranken und darüber hinaus unterwegs. Da wir Mitglied des bitkom, dem Bundesverband der IT, sind, sind sie deutschlandweit bei Veranstaltungen präsent, um das wissenschaftliche Know-how und Wissen über IT-Anwendungen zu vertiefen. Darüber hinaus sind wir Teil eines Sensorik-Clusters in Regensburg, um uns dort mit Partnern zu vernetzen.

Und wem bieten Sie nun konkret Ihre wissenschaftlichen Dienstleistungen an?

Anne-Christine Habbel: Jedem Betrieb – ob kleiner oder großer Mittelstand in Handwerk, Industrie und Handel. Wie gesagt: Wir sind ein offenes Haus. Bei uns kann man einfach anrufen, bei den wissenschaftlichen Leitungen oder direkt bei mir. Und dann kanalisieren wir die Anfrage beziehungsweise das Thema und weisen es schnell einem fachlichen Experten zu. Im Moment konzentrieren sich die Themen ganz klar auf Industrie 4.0, smarte Produktion und Instandhaltung.

Das klingt aber sehr nach einer Ausrichtung auf die Industrie. Was ist mit dem Handwerk?

Anne-Christine Habbel: Mit dem Projekt „eBusiness-Lotse“ konnten wir sehr stark auf die Handwerksbetriebe eingehen. Aber als Haus, das sich aus Drittmitteln finanzieren muss, müssen wir uns auf die momentanen Förderlinien stützen. Für das Handwerk haben wir derzeit geringere Fördermittel als für die Industrie, dennoch sind wir mit der Handwerkskammer sehr eng durch verschiedene Projekte, wie beispielsweise das „Kompetenzzentrum Digitales Handwerk“, verbunden. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Handwerksunternehmen bei der Digitalisierung sehr rege und agil sind und ganz aktiv Kontakt mit uns aufnehmen. Wir bringen mit gezielten Veranstaltungen diese Firmen zusammen, um für einen Wissensaustausch und eine Vernetzung zu sorgen.

Wie können Unternehmen – ganz gleich ob Industrie oder Handwerk – konkret von den digitalen Kompetenzen des iisys profitieren? Wie kommt es nun zu gemeinsamen Projekten und Kooperationen bei Digitalisierungsprozessen?

Anne-Christine Habbel: Kurz vorausgeschickt: Wir sind ein Institut, das an eine Hochschule für angewandte Wissenschaften angeschlossen ist. Das bedeutet: Wir bieten größten Praxisbezug und sind dort aktiv, wo unser Wissen angewendet werden kann. Da es bei uns immer um eine Forschungsfragestellung geht, konzentrieren wir uns gemeinsam mit den Firmen auf jene Probleme im Bereich der Digitalisierung, die sich nicht einfach mit einer Kauflösung oder einem Auftrag an einen IT-Dienstleister lösen lassen.

Ein Beispiel?

Anne-Christine Habbel: Nehmen sie Firmen, die einen älteren Maschinenbestand haben und vor der Frage stehen: Kann ich ihn noch länger betreiben, wenn ich ihn mit einem digitalen System verbinde? Und zwar in dem ich die Maschinen mit Sensoren ausstatte, diese gewonnen Daten für die vorausschauende Wartung auslese und auf einem Bildschirm darstelle? Hier geht es um ein intelligentes, digitales „Nachrüsten“. Mit kleineren Investitionen ist es so möglich, durch einen digitalen Analyse- und Fehlerbehebungsprozess den Maschinenpark zu erhalten. Dass dies funktioniert, haben wir schon in verschiedenen Kooperationen gezeigt.

Und welchen Zeitraum muss man einrechnen – von der ersten Anfrage bei Ihnen bis zum Projektstart?

Anne-Christine Habbel: Nur einen sehr kurzen, was ich gerne betone. Unser Institut befindet sich unter anderem in einer europäischen Rahmenprogramm-Förderung für den Mittelstand, dem Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Der Vorteil ist: Hier haben wir die Gelder schon bekommen und können sofort darauf zugreifen – und somit mit der Arbeit loslegen. Ein Projekt geht dann innerhalb von drei bis neun Monaten über die Bühne.

Das klingt nach einem „niederschwelligen“ Angebot an die Unternehmen.

Anne-Christine Habbel: Ja. Diese Rahmenprojekte sind perfekt, da aufwendige Projektanträge und Finanzierungspläne sowie langwierige Genehmigungsverfahren entfallen. Wir können sofort über die Mittel verfügen, sind schnell mit unserer wissenschaftlichen Kompetenz präsent und machen uns gemeinsam mit den Firmen auf den Weg, um Lösungen zu entwickeln.

Viele Unternehmen in Oberfranken sind in den vergangenen Jahren sehr gewachsen. Um das erreichte Niveau zu halten, muss dort natürlich auch die IT-Struktur mitziehen. Das ist doch der ideale Resonanzboden für die Digitalisierungsdienstleistungen des iisys?

Anne-Christine Habbel: Unsere Forschungseinrichtung hat ganz klar den Zweck, die Firmen bei der Digitalisierung zu begleiten. Wir haben oft die Geschäftsführer zusammen mit den IT-Leitern bei uns im Hause. In vielen Fällen werden sie auch von ihrem externen IT-Dienstleister begleitet. Und von unserer Seite sind ebenfalls mindestens zwei Leute dabei, wenn wir ein Projekt anbahnen. Denn das iisys erarbeitet eben nicht einfach Lösungen nach kurzen Briefinggesprächen oder der Übergabe eines Lastenheftes. Hier geht es um eine gemeinsame Arbeit, die vorangetrieben werden muss – also um das individuelle Lösen eines individuellen Problems. Wichtig ist, dass wir in den Firmen dann einen primären Ansprechpartner haben und ein regelmäßiger Austausch auch in den Unternehmen vor Ort stattfindet.

Und wenn die Lösung steht, wie geht es dann weiter?

Anne-Christine Habbel: Wir dürfen als Institut nur bis zu einem gewissen Punkt gehen. Wir investieren zwar viel Manpower und unsere Leute beschäftigen sich intensiv und teils ausschließlich mit ein oder zwei Projekten. Aber die Förderlinie endet bei der Demonstration von Prototypen. Für uns ist also dann Schluss, wenn die monetäre Realisation des Projektes einsetzt. An der Stelle, wo wir den Cut machen müssen, kommen die IT-Dienstleister der Unternehmen wieder ins Spiel. Sie implementieren die Digitalisierungslösung und sorgen für die wirtschaftliche Wertschöpfung.

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Zur Person

Anne-Christine Habbel ist seit Herbst 2015 Geschäftsführerin des Instituts für Informationssysteme (iisys) der Hochschule Hof. In ihren vorangegangenen Stellen war Habbel in unterschiedlichsten Technologiebereichen tätig, so unter anderem für das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Siemens sowie die Stadt Karlsruhe. Als Projekt des Bundeswirtschaftsministeriums baute sie das Netzwerk des eBusiness Lotsen Oberfranken an der Hochschule Hof auf.

Created By
Michael Ertel
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Credits:

Fotos: iisys, Michael Ertel

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