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Unter Jägern Von Wild, Wald und Waidmannsheil

Der Wald gehört dem Volk. Doch im Herbst betreten viele Menschen den Wald mit einer gewissen Vorsicht. Denn dann wird gejagt. Die Jägerschaft im Kanton Solothurn ist 692 Gewehre stark. Wobei längst nicht jeder Jäger auch mit einer geladenen Flinte auf die Pirsch geht. Was sind das für Leute, die in ihrer Freizeit stundenlang durch den Wald streifen, elegante Rehe, majestätische Rothirsche oder flinke Füchse erschießen?

Auf diese Frage gibt es keine generell gültige Antwort. Mit meiner Diplomarbeit bringe ich aber ein wenig Licht ins Dunkle. Ich nehme euch mit auf die Jagd. Erlebt, wie ein Jagdtag von Anfang bis Ende abläuft. Ob ihr schlussendlich für oder gegen die Jagd seid, müsst ihr danach selbst entscheiden.

Auf dieser Seite findet ihr einige Impressionen und Informationen, wie die herbstliche Treibjagd in einem Buechibärger Jagdrevier abläuft. Sie zeigen, was alles zur Arbeit der Jäger ghört. Besonders die rote Arbeit, also das Ausnehmen der Tiere, ist eine blutige Angelegenheit, für den Fleischgenuss aber notwendig. Diese Arbeit wird hier explizit gezeigt.

Die Jägerin

Catherine Müller, 58 Jahre alt, Arbeits- und Organisationspsychologin. Seit 2011 ist sie als aktive Jägerin im Jagdrevier Eichibärg im Solothurner Bucheggberg unterwegs, seit zwei Jahren präsidiert sie die Jagdgesellschaft. Die Hunde führten Catherine zur Jagd. Aufgewachsen mit Jagdhunden und Jägern in der Verwandtschaft, entschloss auch sie sich, die Prüfung zu machen. Jagen bedeutet für sie nicht bloss, Tiere zu erschiessen. Es sei ein Eintauchen in die Natur, Eins-Sein mit ihr. Es brauche Wissen über Wildtiere, über ihre Lebensweisen, ihr Verhalten. Die Jagd sei ein Kulturgut, welches es zu schützen gilt.

Seit der Mensch denken kann, ist er auf der Jagd. Auf das Fleisch sind wir für unser Überleben schon lange nicht mehr angewiesen. Heute geht es um Forstschutz, Bestandesregulierung und dem Erhalt der Tradition. 28'422 Personen waren im Jahr 2018 laut der Schweizer Jagdstatistik im Besitz des Jagdscheins. Nur drei Prozent davon sind Frauen. Seit wenigen Jahren nimmt die Zahl der Jägerinnen aber stetig zu. Vor allem junge Frauen wagen sich an die Flinte, und absolvieren vermehrt die Jagdprüfung.

Dieser Durchschnitt spiegelt sich auch im Revier 14 im Solothurner Bucheggberg wieder. Hier jagt die Gesellschaft Eichibärg. Die Präsidentin Catherine Müller eröffnet zusammen mit den anderen Jagdhornbläser den Jagdtag. Die aufgeregten Jagdhunde stimmen in das Stück mit ein. Mensch und Tier wissen: Jetzt geht es los.

Nach der Begrüssung bei der Hütte beziehen die Jäger ihren Stand. So wird in der Jägersprache ein markierter Ort im Wald bezeichnet, an dem der gewehrtragende Jäger sich positioniert, und wartet bis ein Tier in Schussweite kommt. Im Eichibärg ist heute Raubwild, Rehwild und Schwarzwild offen. Für den Laien bedeutet das: auf Füchse und Dachse, Rehe und Wildschweine darf und soll geschossen werden. Rothirsche und Gämsen hingegen sind Tabu.

Die Jägersprache gehört zu der Jahrhunderte alten Tradition der Jagd dazu. Wer sich nicht öfters mit Jägern austauscht, der versteht vermutlich nicht all zu viel. Reh ist nicht gleich Reh, und obwohl jeder Jäger ein Tier erst ansprechen muss, bevor er schießen darf, entstehen wohl kaum Konversationen zwischen Mensch und Wild.

Während Catherine und ich am Stand anstehen, durch unsere ständigen Gespräche das Wild aber wohl eher vertreiben, sind die anderen Jäger erfolgreich. Einer von ihnen ist Hans-Jörg Blankenhorn (in der Mitte), ehemaliger höchster Jäger der Schweiz. Auch für ihn ist es noch immer ein Wechselbad der Gefühle, wenn ein Reh durch die eigene Flinte stirbt.

Drei Rehe, zwei Geissen und ein Kitz, liegen im feuchten Laub. Ein Tannenzweig steckt allen drei zwischen den Zähnen, der sogenannte letzte Bissen, eine Ehrerweisung an die erlegten Tiere. Die dunklen Rehaugen blicken jetzt trüb und glasig. Nun folgt die Rote Arbeit. Das Wild wird abtransportiert, aufgebrochen und die Innereien entfernt.

Die erlegten Rehe wandern nach dem Ausnehmen sofort in eine nahegelegene Kühlkammer, danach verarbeitet sie ein Wirt zu Rehschnitzeli, Pfeffer und Filet. Leber, Niere und Herz hingegen, das sogenannte Jägerrecht, werden aufgehoben. Diese Organe stehen demjenigen zu, welcher das Reh erlegt hat. Unter der Jägerschaft gelten diese Stücke als wahre Delikatesse.

Nach der Jagd und dem Aufbrechen der erlegten Tiere folgt dann der gesellige und gemütliche Teil des Tages. Alle Teilnehmer der Jagd sind erschöpft und hungrig. Und so wird die Feuerstelle kurzerhand zum Herd umfunktioniert. Vom Cordon-Bleu über Steak mit Spätzli, Bratwurst und Risotto bis hin zum Fondue brutzelt und blubbert es über den Flammen. Jetzt wird auch der Weisswein ausgeschenkt. Vorher ist Alkohol auf der Jagd ein Tabu. Bis in den Abend wird nun gefachsimpelt, erzählt und gelacht. In wenigen Tagen steht schon der nächste Jagdtag an. Und alles beginnt wieder von vorne.

Für einen Laien hinterlässt ein solcher Jagdtag unendlich viele Eindrücke. Faszination, Aufregung, Nervosität, Mitleid. Letzteres verspürte ich vor allem für einen Fuchs, der ebenfalls erlegt wurde. Anders als die Rehe wird er nicht weiterverarbeitet, sondern direkt in der nächsten Kadaverstelle verbrannt. So ergeht es in der Schweiz jedes Jahr rund 22'000 Rotfüchsen. Den Pelz zu verarbeiten ist mit grossem Aufwand verbunden. Es wäre für die Jäger ein Minusgeschäft. Sind diese Abschüsse also absolut sinnlos?

Nein. Die Jäger schießen nicht aus Spaß auf die Füchse. Ihre Zahl muss reguliert werden, um eine Überpopulation zu verhindern. Da der Rotfuchs in der Schweiz keine natürlichen Feinde hat, können zu viele Füchse den Bestand von kleineren Säugetieren gefährden. Auch das Risiko von Seuchen und Krankheiten steigt, je grösser eine Tierpopulation ist. Auf Füchse zu schießen, gehört zum Auftrag der Jäger. Es komme schlussendlich der Natur zugute, sagen die Jäger. Auch wenn das beim Anblick des toten Raubtiers schwer zu begreifen ist.

Alle publizierten Inhalte sind Eigentum von Nina Köpfer