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Hidden Values Das Globe-Kino in Oldenburg

Hidden Values

Die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege fördert die Sanierung des GLOBE-Filmtheaters, eines ehemaligen Kinos der Britischen Streitkräfte in Oldenburg

Vorgeschichte

Oldenburg, Donnerschwee-Kaserne, Thomasblock (1882).

Die ehemalige Donnerschwee-Kaserne in Oldenburg ist für die Militärgeschichte Oldenburgs ein traditionsreicher Ort: 1880 wurde die Kaserne für das zur Preußischen Armee gehörende Oldenburgische Infanterie-Regiment 91 erbaut, das bereits an den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 teilgenommen hatte. Auch in der Folge war hier Infanterie stationiert, auch während der Weimarer Republik, der sogenannten „Reichswehrzeit“. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in der NS-Zeit 1935 wurde das Kasernengelände umgebaut und für die Aufnahme einer Flak-Abteilung erheblich erweitert.

Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht 1945 zogen erst kanadische, dann 1948 dänische, schließlich 1949 englische Truppen in die Donnerschwee-Kaserne ein. Sie blieben bis zu ihrer Auflösung 1957. 1958 wurde die Kaserne der Bundeswehr übergeben.

Links: Donnerschwee-Kino, Grundriss und Bestuhlungsplan (1954). Rechts: Donnerschwee-Kino, Zuschauerraum (2000).

Die British Army errichtete auf dem Gelände ein Kasernenkino mit 400, parallel dazu im Fliegerhorst Oldenburg ein Kino mit 350 Plätzen – mit moderner Technik, mit großen Bühnen und Vorführräumen, großen Eingangshallen und fest montierten Kinosesseln. Solche Kinos wurden in britischen Armee-Standorten von der AKC (Army Kinema Corporation) betrieben, 1958 insgesamt 48.

Auch andere Besatzungstruppen in Deutschland verfügten nach dem 2. Weltkrieg über solche Lichtspielhäuser. So errichteten beispielsweise die Belgischen Streitkräfte in Deutschland in der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel ein beeindruckendes Truppenkino im Stil der 1950er Jahre, mit 1000 Sitzplätzen, einem Orchestergraben und mit Kunstleder bespannten Wänden, die durch Kupferlampen beleuchtet werden.

Kulturkino Vogelsang

Aber nicht nur für die Unterhaltung der eigenen Truppen sorgte die britische Militärverwaltung. Im Rahmen des von Amerikanern und Briten installierten Umerziehungsprogramms der Re-Education und Re-Orientation, eröffneten sie unter anderem auch Abspielstätten für die deutsche Bevölkerung.

Kino als Faszinationsgenerator

Bereits im Ersten Weltkrieg gab es sogenannte Soldatenkinos, auf deutscher Seite nicht weniger als 900, um die Frontsoldaten in ihren kurzen Kampfpausen bei Laune zu halten. Zahlreiche Spielfilme wurden produziert, in denen die Kriegspropaganda bewusst in romantische Liebes-, Helden- und Schurkengeschichten verpackt waren. Filmische Darbietungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits sehr populär. Kinos zogen als „Faszinationsgenerator“ ein breites Publikum an. Es war ein junges Medium: 1895, etwa 60 Jahre nach der Entwicklung der Fotografie, gab es parallel verschiedene Erfindungen, die es möglich machten, "bewegte Bilder" auf eine Fläche zu projizieren. Neben den Brüdern Lumière in Paris, deren Projektionsverfahren sich später durchsetzte, veranstalteten die Brüder Skladanowsky im Berliner "Wintergarten" fast einen Monat zuvor die erste öffentliche Kinovorführung.

Deutsches Soldatenkino (1916).

Noch Ende des 19. Jahrhunderts entstand so ein neuer Industriezweig. Die Vorführungen waren zunächst Jahrmarktattraktionen, das Medium an sich ist bestaunter Gegenstand, noch nicht erzählte Handlung. Bewegte Bilder verstörten und erschreckten das Publikum. Abgefilmte Theater-Stückchen und "Varieté-Tricks" hatten zuerst nur Bühnenbilder, die als bloßer Hintergrund fungierten. Aber Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden dann zum ersten Mal Filme mit einer inhaltlichen Dramaturgie.

Groß: Kinematographenkino (1904). Unten links und mittig: Kinematographenkino (1904). Unten rechts: Werbung für eine kinematographische Vorführung von Philipp Leilich (1903).

Kirmesbude und Filmpalast

1926, dreißig Jahre nach den ersten kinematographischen Versuchen, schaute der Filmkritiker Rudolf Harms auf die Anfangsjahre des Mediums Film zurück: „Das Kinotheater entstand zuerst auf den Märkten und Messen. Notdürftig gebaute Bretterbuden, Reihen von Holzbänken, ein weißes Tuch und ein handbetriebener Apparat stellten das ganze Inventar dieser ,Filmtheater‘ dar. Eine Spieldose oder ein Trichtergrammophon sorgten für ,musikalische Illustration‘, ein ,Ansager‘ für Unterhaltung.“ Darauf bezogen bezeichnete der begeisterte Kinogänger Franz Kafka den Stummfilm – vielleicht ein wenig abschätzig - als „photographierte Pantomime“.

Berlin, Theatergebäude des Cines, Außenbau und Saal mit Bühne (1913).

War es anfangs das „Theater des kleinen Mannes“, wie es 1909 Alfred Döblin beschrieb, zog es durch das Aufkommen abendfüllender Spielfilme von wachsender Qualität noch vor dem Ersten Weltkrieg ein besser gebildetes und finanzkräftigeres Publikum an. Bereits 1913 wurden in dem ersten freistehenden Lichtspieltheater in Deutschland, dem Cines-Theater in Berlin, die Grundzüge einer Kinohausarchitektur formuliert. Mit der Eröffnung großer Kinos begann Anfang der zwanziger Jahre die Ära der prächtigen Lichtspiel-Theater mit bis zu 2000 Sitzplätzen – eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Zahl.

Berlin, Kino Piccadilly, Außenbau und Zuschauerraum (1926).

Auswirkungen auf die Gestaltung des Zuschauerraumes, der bis dahin meistens rechtwinklig war, hatte die Einführung des Tonfilms Ende der 1920er Jahre. Zugunsten der Akustik entstanden nun Kinosäle, deren Grundrisse sich aus einem Trapez oder dem Hufeisen entwickelten. Bei parallelen Seitenwänden war zumindest der vordere Bereich trichterförmig. Die Erfindung des Farbfilms hatte dagegen weniger Auswirkungen. Sie regte Architekten allerdings an, dem Zuschauerraum mehr Farbe zu geben, um so die Einheit von Raum und Bildzone zu betonen.

Eine neue Blütezeit

Oben links: Berlin, Zuschauerraum des Kinos Babylon von Hans Poelzig (1928). Unten links: Im GLOBE vorgeführte Filme, The Blue Lamp (1950). Rechts: Im GLOBE vorgeführte Filme, How Green was My Valley (1955).

Nach den 30er Jahren, als legendäre Kinobauten wie das Berliner Babylon des Architekten Hans Poelzig das Publikum anzogen, waren die frühen 50er Jahre eine neue Blütezeit für die Lichtspielhäuser. Nachdem in Deutschland etwa zwei Drittel zerstört worden waren, kam es in Westzonen nach der Währungsreform zu einer regelrechten Kinoinflation. Beim Wiederaufbau und Neubau wurde dabei besonderer Wert auf die Gestaltung von Eingangsbereichen und Innenräumen mit Tendenz zur Wohnlichkeit gelegt. Die Wände der großen Säle waren vertäfelt oder über Holzsockeln mit neuartigen Materialien in Pastelltönen bespannt, mit Glaswolle unterlegt und mit Messingnägeln in Steppdecken-Manier oder mit Kunststoffkordeln schräg und rautiert verziert. Edle Messing-Lampen waren an den Wänden angebracht, die Klappsessel den unterschiedlichen Preiskategorien gemäß größtenteils gepolstert.

Die großen Säle jener Epoche mit ihrer besonderen Atmosphäre und ihren spezifischen Stilmerkmalen der 50er Jahre sind fast gänzlich verschwunden. Das Fernsehen, dann die technische Innovation des Video führten zu einem großen Kinosterben. Man muss heute intensiv suchen, um ein stilreines Lichtspielhaus den Glanzzeiten der Nierentische und Gummibäume zu finden.

Kulturtreff im Retrocharme

Das historische Truppenkino der britischen Streitkräfte auf dem Gelände der Oldenburger Donnerschwee-Kaserne, das „GLOBE-Filmtheater“, ist ein solch typisches Zeugnis der Nachkriegs-Kinokultur. Es wurde 1954/55 errichtet und diente als Kino, für musikalische Darbietungen, Theateraufführungen und sonstige Veranstaltungen. 1958 wurde das Kasernengelände vom britischen Militär an die Bundeswehr übergeben, die das GLOBE weiterhin nutzte. Seit 1990 ist es ohne Funktion.

Oben links: Oldenburg, GLOBE-Kino, Eingangsfront (1954). Oben rechts: Oldenburg, GLOBE-Kino, Eingangsfront (2000). Groß: Oldenburg, GLOBE-Kino, Orchestergraben. Unten links: Oldenburg, GLOBE-Kino, Eingangshalle (1954). Unten rechts: Oldenburg, GLOBE-Kino, Zuschauerraum (2000).

Das Haus und seine durchaus anspruchsvoll gestaltete Ausstattung sind durch glückliche Umstände weitestgehend im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben: An der Stirnseite des Kinosaales die Projektionswand. Die Bühne mit oval vorschwingendem Orchestergraben, mit Schnürboden und Backstage. Der Zuschauerraum nach hinten ansteigend, mit Mittelgang, Seiten- und Quergängen, mit leicht geschwungenen Stuhlreihen, mit schlichten Klappsitzen aus Buchenholz-Formsperrholz und einfachen Armstützen. Die historische Wandverkleidung mit Holzsockeln mit ausgerundeten Ecken, die Seitenwände mit wellenförmigen Stoffbespannungen und originalen Wandleuchten, die Rückwand mit Kunstleder bespannt, rautenförmig gepolstert zur Vermeidung von Nachhall. Der oval geformte Deckenspiegel mit indirekter Beleuchtung und Farbfassung in Pastelltönen. Das vorgelagerte Foyer ebenfalls zeittypisch gestaltet.

Das äußere Erscheinungsbild des GLOBE ist dagegen eher funktional gestaltet, der Baukörper hallenartig, in Ziegelmauerwerk errichtet unter einem flach geneigten Satteldach, das stützenfrei den Kinosaal überspannt. Die nach Süden ausgerichtete Giebelseite ist schlicht, aber architektonisch sauber gestaltet: mit einem mittig angeordneten Eingangsbereich mit einem frei schwebendem Vordach über der Treppe und dem verglasten Zugang. Rechts und links Schaukästen für Plakatwerbung. Im Obergeschoss fünf ungeteilte Stahlfenster mit schmaler Putzfasche.

Nach der Konversion der Donnerschwee-Kaserne hat sich die 2017 gegründete Kulturgenossenschaft Globe eG. die Aufgabe gestellt, das kulturgeschichtlich bedeutsame Denkmal in seiner bauzeitlich überkommenen Substanz zu sanieren. Das GLOBE soll zu einem Kulturzentrum für das auf dem Kasernengelände entstehende neue Wohnquartier und die umliegenden Stadtteile mit einem breit gefächerten kulturellen Angebot entwickelt werden.

Literatur

Rudolf Harms: Philosophie des Films. Seine ästhetischen und metaphysischen Grundlagen. Leipzig 1926.

Geschichte der Donnerschwee-Kaserne in Oldenburg. Zusammengestellt anläßlich des „Tages der offenen Tür“ am 21.06.1964 / durch Oberstleutnant Dettmer. Überarb. und erg. im Juni 1975 durch Oberstleutnant Albers. [Oldenburg] 1975.

Rolf-Peter Baacke: Lichtspielhausarchitektur in Deutschland. Von der Schaubude bis zum Kinopalast. Berlin 1982.

Astrid Brosch: Kinobauten der 1950er Jahre im geteilten Deutschland. München, Univ. Diss. 2000.

Judith Protze: Oldenburger Lichtspiele. Film- und Kinogeschichte(n) der Stadt Oldenburg. Oldenburg 2004.

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