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Frieden geht durch den Magen Im kleinen Dorf Nuglar bei Basel ist auf 2000 Quadratmetern summender und brummender Ackerfläche zu erleben, wie die Landwirtschaft von morgen aussieht und was unsere Nahrung mit Friedensarbeit zu tun hat.

Text und Fotos: Tina Köhler

Auf einer Wiese...

um den Weltacker in Nuglar, im schattigen Grün unter einem grossen Kirschbaum, würden sich auch die Kinder aus Astrid Lindgrens Erzählungen zu Hause fühlen. Das Wetter ist an diesem Tag sonnig, der blaue Himmel mit Wolken wie aus Zuckerwatte lädt zum Träumen ein, genau wie die Hügellandschaft, die mit ihrem satten Grün den Hintergrund erfüllt. An diesem Wohlfühlplatz beginnt die Ackerführung für die Gäste, die das Projekt in Nuglar genauer kennenlernen möchten. Bastiaan Frich vom Netzwerk «Urban Agriculture Basel» führt an diesem Tag um den Weltacker und gibt erste Einblicke in die komplexen Zusammenhänge einer Landwirtschaft, in der Mensch und Natur Partner sind.

Im Schatten des alten Kirschbaums beginnt die Tour über den Weltacker.

Der Projektgründer stellt sich und seine Arbeit mit einem unerwarteten Vergleich vor. «Ich habe Konfliktmanagement und später Biologie studiert. Der Weltacker und die «Nuglar Gärten» sind Projekte für regenerative und solidarische Landwirtschaft. Im Kern ist jedoch alles, was ich tue, der Friedensforschung gewidmet.» Friedensarbeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit Nahrungsmitteln gehören für ihn zusammen. «Alles, was wir zu uns nehmen, ist irgendwo gewachsen und hat eine Geschichte. Jeder Bissen, den ich esse, ist auf einem Acker dieser Welt angebaut worden. Mich daran täglich zu erinnern und anderen Menschen den Wert unserer Nahrung zu vermitteln, das meine ich mit Friedensarbeit.»

Der Biologe und Friedensforscher Bastiaan Frich ist einer der Initianten des Projekts.

Wie 2000 Quadratmeter die Welt erklären

Die faszinierende Welt von Erde und Pflanzen wird hier auf dem Weltacker Nuglar von vielen Händen liebevoll erforscht und gepflegt. Heute am gemeinsamen Ackertag sind schon am Morgen viele Helferinnen und Helfer auf der weitläufigen Fläche aktiv. Kinder spielen auf den Wiesen, Erwachsene zupfen, jäten, säen und geniessen das gemeinsame Tun. In den Jahren zuvor organisierte der Verein «Nuglar Gärten» in den Sommerferien jeweils eine Ackerwoche mit Familienprogramm und kulturellen Veranstaltungen. Aufgrund der Corona-bedingten Hygienevorschriften musste die Woche dieses Jahr entfallen. Stattdessen fand für die Dauer der Sommerferien jeden Mittwoch ein gemeinsamer Ackertag statt.

Der Schattenplatz unter dem Kirschbaum ist ein Wohlfühlort für Gross und Klein.

Die Grundidee für das Konzept des Weltackers kam von Benedikt Haerlin, dem Leiter der europäischen Initiative «Save our seeds» (SOS) für gentechnikfreies Saatgut. Während eines Symposiums in Berlin im Jahr 2012, brachte Haerlin im Gespräch mit Bastiaan Frich bei der abendlichen Pizza die Frage auf den Tisch: «Wie viele Quadratmeter esse ich eigentlich gerade mit meiner Pizza?» Das war die Grundlage für die eindrückliche Rechnung: Wenn die global zur Verfügung stehende Ackerfläche von 1,4 Milliarden Hektar durch die Anzahl Menschen auf der Erde – also etwa 7 Milliarden – geteilt wird, ergibt das ungefähr 2000 Quadratmeter Ackerfläche. Diese Fläche steht theoretisch jedem Menschen zur Verfügung. Darauf muss alles wachsen, was er pro Jahr an Ressourcen verbraucht. Nicht nur Nahrungsmittel gehören dazu, sondern auch Getreide für die Futtermittel der Nutztiere, Rohstoffe wie Faserstoffe für Kleidung und Papier oder Genussmittel wie Tabak, Kaffee oder Kakao.

Evelyn und Kathrin vom Weltacker-Team bei der Vorbereitung des Mittagessens.

«Weiter wie bisher ist keine Option»

Auf der Basis von Studien des Weltagrarberichts von 2008 befassten sich Härlin und Frich genauer mit den Hintergründen und der möglichen Umsetzung des 2000-Quadratmeter-Weltackers. Inzwischen trägt die Idee im doppelten Wortsinn Früchte. Etwa 13 Weltäcker gibt es bereits in Europa, Asien und Afrika. Der Weltacker in Nuglar entstand 2017 als Pionierprojekt in der Schweiz. Seit 2019 wird in Attiswil im Kanton Solothurn ein zweiter Acker bewirtschaftet. Weitere Projekte in Zürich und Bern befinden sich aktuell in der Konzeptionsphase. Nicht nur die Möglichkeiten eines umweltverträglichen Anbaus, sondern vor allem praxisbezogene Forschung sowie Bildungs- und Sensibilisierungsarbeit stehen im Mittelpunkt der Projekte.

Was kann auf 2000 Quadratmetern biologisch bewirtschafteter Ackerfläche gedeihen? Genügt diese Ackerfläche, um einen Menschen ausgewogen zu ernähren? Das sind die zentralen Fragen, mit denen sich die Freiwilligen des Vereins «Weltacker Schweiz» ganz praktisch und unvoreingenommen beschäftigen.

Verschwunden im Ackergrün: Viele Freiwillige sind schon am Morgen aktiv.
«Wir haben keine abschliessenden Antworten auf die Fragen unserer globalen Situation. Wir beobachten, experimentieren und versuchen, basierend auf aktuellen Studien, Alternativen aufzuzeigen. Was wir wissen, ist, was auch der Weltagrarbericht als Fazit seiner Studie klargestellt hat: Weiter wie bisher ist keine Option.» Bastiaan Frich, Friedensforscher

Mehr Möglichkeiten, mehr Verantwortung

Auf ein Jahr verteilt, stehen jedem und jeder von uns von den 2000 Quadratmetern Ackerfläche 5 Quadratmeter pro Tag zur Verfügung. So viel dürfen wir gemäss diesem Modell verbrauchen, ohne dabei langfristig Schäden an den Ökosystemen zu verursachen. «Was meint ihr, reicht uns das?», fragt der junge Biologe fordernd in die Runde. Eine Besucherin ist sich sicher: «So wie wir uns jetzt in der Schweiz ernähren, genügt diese Fläche sicher nicht. So wie sich unsere Urgrosseltern ernährt haben, hätte sie jedoch sicher ausgereicht.» Während die Besuchergruppe vom gemütlichen Schattenplatz die 50 mal 40 Meter grosse Ackerfläche im Blick hat, lässt sich die Frage nach dem Flächenverbrauch viel praktischer durchdenken.

Bastiaan Frich hat eine ermutigende Antwort: «Nach aktuellem Wissensstand stehen uns heute natürliche Anbaumethoden zur Verfügung, mit denen auf 2000 Quadratmetern Fläche so viele gesunde Lebensmittel produziert werden können, dass sich definitiv mehr als eine Person davon ausgewogen ernähren kann.» Unüberhörbar ist der Nachdruck in seiner Stimme, denn die Möglichkeit ist zugleich Verantwortung, die wir gesellschaftlich bisher noch weit verfehlen. «In Mitteleuropa verbrauchen wir momentan pro Person und Jahr Lebens- und Genussmittel in einer Menge, die durchschnittlich 2800 Quadratmeter Anbaufläche benötigt. In der Schweiz stehen uns pro Kopf etwa 600 Quadratmeter Ackerfläche zur Verfügung. Wir importieren pro Person also Lebensmittel von umgerechnet etwa 2200 Quadratmeter Fläche. Dieser Verbrauch ist global betrachtet zu gross und erzeugt ein problematisches Ungleichgewicht.»

Ressourcenschutz mit Genuss

Stellt sich die Frage, was genau sich denn verändern müsste. Dem Weltagrarbericht zufolge resultiert das Missverhältnis überwiegend aus dem grossen Flächenanteil, der für die Futtermittelproduktion gebraucht wird. Mehr als die Hälfte der weltweit zur Verfügung stehenden Gesamtfläche benötigen wir für den Anbau von Getreide, das an unsere Nutztiere verfüttert wird. Bemerkenswert ist demgegenüber, dass die Gemüseproduktion von der Gesamtfläche nur einen Anteil von fünf Prozent ausmacht. Wer viel pflanzliche Nahrung oder tierische Produkte aus Weidehaltung zu sich nimmt, beansprucht umgerechnet einen viel kleineren Anteil der zur Verfügung stehenden Ackerfläche.

Frisch vom Acker: Im grossen Kessel wird das Mittagessen für rund 30 Gäste zubereitet.

Hier auf dem Weltacker lassen sich die vielen Zahlen und Fakten beim gemeinsamen Mittagessen gut verdauen. Genuss und Gemeinschaft haben hier immer Platz, denn «durch die räumliche Nähe zu den frischen Produkten vom Acker und durch die eigene Mithilfe steigt auch die Wertschätzung für unsere Nahrung», ist sich Evelyn Deeke, eine der Hauptverantwortlichen des Vereins «Nuglar Gärten», sicher. Im grossen Kessel auf der offenen Feuerstelle im Garten kochen eine ganze Menge Zutaten, die gerade frisch geerntet wurden. Krautstiel, Broccoli und die ersten Zucchini des Sommers, Thymian und Majoran als Kräuter und grüner Salat als Beilage erfreuen den Geschmackssinn der Gäste. Neben dem Risottoreis wurden nur Zwiebeln, Salz und Pfeffer als zugekaufte Beigaben verwendet. Der Nachtisch fiel direkt verzehrfertig von den alten Kirschbäumen, die rund um den Weltacker wachsen. Genuss mit einer gleichzeitig positiven Ökobilanz verbinden, das funktioniert hier ganz mühelos.

Vom Baum in den Mund: Rund um den Weltacker wachsen viele alte Kirschbäume.

Solidarisch und biodynamisch

«Weiter wie bisher ist keine Option.» Bastiaan Frich greift das Fazit des Weltagrarberichts, der bisher grössten internationalen Studie zur weltweiten Ernährungssituation, nochmals auf. Seine Passion für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist spürbar. «Die konventionelle Landwirtschaft zerstört unsere Lebensgrundlagen. Wir müssen stattdessen verstärkt regenerative, kleinbäuerliche Strukturen fördern. Die Kleinbäuerinnen und -bauern bewirtschaften weltweit nur etwa 20 Prozent der Ackerfläche, ernähren damit aber vor allem in bevölkerungsdichten Erdteilen wie Asien und Afrika bis zu 80 Prozent der Bevölkerung. Die industrielle Landwirtschaft bebaut hingegen 80% der globalen Ackerfläche mit Monokulturen und ernährt den Berichten des Weltagrarberichts zufolge nur etwa 20 Prozent der globalen Bevölkerung. Die Zukunft muss also in der Förderung kleinflächiger, regenerativer Strukturen liegen», argumentiert er.

Auf dem Weltacker Nuglar werden nach biologisch-dynamischen Kriterien etwa 50 verschiedene Kulturen angebaut. Er ist Bildungsort und Herzstück des Demeter-zertifizierten Landwirtschaftsbetriebs «Nuglar Gärten» und des gleichnamigen Vereins, der solidarisch nach dem Prinzip der gemeinsamen Teilhabe organisiert ist. Etwa 100 Ernteabos werden momentan durch den Verein «Nuglar Gärten» betreut und die frischen Produkte vom Feld regelmässig an Haushalte der Regionen Nuglar, Liestal und Basel ausgeliefert. Das auf dem Weltacker angebaute Gemüse macht dabei nur einen kleinen Teil des Ernteabos aus. Der grössere Teil kommt von weiteren bewirtschafteten Parzellen in und um Nuglar, die ebenfalls dem Verein gehören. Das Kernteam wünscht sich vor allem noch mehr Einbezug der Menschen vor Ort. «Das wäre für uns am schönsten, wenn wir noch mehr Abonnentinnen und Abonnenten aus Nuglar gewinnen und so wirklich einen signifikanten Beitrag für eine umweltverträgliche Ernährung des Dorfes leisten könnten», so Frich.

An der Erfahrungsstation können die etwa 50 angebauten Kulturen ihrem Saatgut zugeordnet werden.

Milliarden in einer Hand

Eine erstaunliche Information der Meisterlandwirtin Dominique Oser öffnet einen neuen Blick in die Welt unter der Erdoberfläche: «In einem Kubikzentimeter gesunder Erde leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Welt.»

Der landwirtschaftliche Betrieb des Vereins «Nuglar Gärten» ist ganz der Erforschung und Erprobung der regenerativen Landwirtschaft verpflichtet. Kurz gesagt sind darunter Methoden von Anbau und Bewirtschaftung zu verstehen, die mit Ökosystemen kooperieren, statt sie zu zerstören. Als wichtigstes Kriterium der regenerativen Landwirtschaft gelten der Aufbau und die Pflege eines gesunden Bodens.

Die Bodenprobe gibt der Meisterlandwirtin Aufschluss über Fruchtbarkeit und Zusammensetzung der Erde.
« Wenn dein Acker nicht summt und brummt, dann ist er nicht gesund.» So bringt Bastiaan Frich die Maxime der regenerativen Landwirtschaft simpel auf den Punkt.

Der Weltacker gestern und heute

Wer barfuss über die Wiese streift, mit der Ackerfläche im Blick, hört hier zumindest oberirdisch überall Summen und Brummen. Neugierig nähert sich die Besuchergruppe dem Feld, als die Meisterlandwirtin dem Boden behutsam zwei Hände voll Erde entnimmt und diese aufmerksam analysiert. «Wenn ich einen Boden auf seine Fruchtbarkeit überprüfe, ist für mich das Wichtigste, zu sehen, wie viele Tiere ich darin finde. Je genauer ich schaue, desto mehr kleinste Lebewesen finde ich in gesunder Erde.»

Bis 2019 wurde auf dem Weltacker Nuglar für Bildungszwecke massstabsgetreu nach den Verhältnissen der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche angebaut. So wuchsen hier beispielsweise auf 60 Prozent der Fläche fünf verschiedene Getreidesorten, zur Veranschaulichung der momentanen globalen Verhältnisse. Für die praktische Bewirtschaftung des solidarischen Betriebs ist das jedoch wenig sinnvoll. Deshalb wurde 2020 das Konzept des Weltackers Nuglar erstmals auf einen Anbau umgestellt, der eine zukunftsfähige Landwirtschaft repräsentiert. Alles, was hier wächst, ist ab sofort auch Teil der Ernteabos und kommt direkt vom Acker auf den Teller der Abonnentinnen und Abonnenten.

Nach der Führung über den Weltacker in Nuglar ist klar: Mitverantwortung für eine gerechte Ressourcenverteilung zu übernehmen, beginnt mit dem Blick auf den eigenen Teller – und über den Tellerrand hinaus. Frieden geht durch den Magen.

Weitere Infos: Website des Weltackers Nuglar

Impressum: Konzept, Text, Fotos und Produktion: Tina Köhler – Fachcoaches: Iwon Blum, Simone Gloor – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch – www.derarbeitsmarkt.ch

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Tina Köhler
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