Isabelle Kurzgeschichte von Sascha Dinse

Isabelle (Auszug)

»Es reicht heutzutage nicht mehr, Menschen einfach sanft auf die Schulter zu tippen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Man muss sie stattdessen mit einem Hammer schlagen«, sagt Isabelle, als würde sie etwas zitieren. »Das ist aus einem Film, nicht wahr?«, antworte ich und versuche mich zu erinnern. Sie nickt und setzt eine ernste Miene auf. »Der Geist der meisten Menschen ist wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Ein paar Tropfen Wasser bringen die Erinnerung daran nicht zurück, wie es sich einst angefühlt haben mag, als da noch ein reißender Strom von Gefühlen, eigenem Denken und Bewusstsein war.« Der Kellner bringt den dritten Kaffee des heutigen Morgens. Nach dem zweiten Mal habe ich aufgehört, Isabelle zu fragen, ob sie ebenfalls etwas trinken oder essen möchte. Sie scheint nur hier zu sein, um mir ihre Gedanken mitzuteilen. Ich könnte mir keinen schöneren Start in den Tag vorstellen. Isabelle presst die Augen zusammen und deutet mit ihrem Zeigefinger auf mich. »Genau das muss die Kunst vollbringen. Sie muss der Hammerschlag sein, der die Menschen aufweckt. Sie muss die abgestumpften Massen erreichen, denen an jeder Stelle ihres Lebens vorgegeben wird, wie sie zu denken, zu fühlen, zu handeln haben.«

Isabelle hält für einen Moment inne. Schon glaube ich, dass sie alles gesagt hat, was sie dazu loswerden wollte. »Kunst muss alles dürfen, verstehst du?«, fährt sie fort. »Sie muss die Grenzen nicht nur testen, nicht nur sanft überschreiten, sie muss den verdammten Staudamm sprengen, muss das Flussbett wieder in das verwandeln, was es einmal war, auch wenn dadurch die Siedlung im Tal überflutet wird. Die Kunst muss die Menschen mit Gewalt aus dem Zustand der Lethargie herausreißen, in dem sie sich jeden Tag vor sich hin dämmern. Nur dann werden sie wieder zu sich finden.« Ich hebe die Tasse und proste ihr spielerisch zu. »Schwemmen wir sie hinfort!«

Isabelle beginnt zu lachen, lauter und lauter, als wären wir allein auf der Welt, als gäbe es nichts außer uns beiden.

Nach dem Ende des Films sitze ich minutenlang einfach nur da, während mein ganzer Körper wie vom Fieber gepackt scheint. Heiß fließt etwas durch meine Adern, das einst Blut gewesen sein mag, doch jetzt fühlt es sich an wie siedendes Blei. Meine Muskeln schmerzen, als hätte ich stundenlang schwere Lasten getragen, mein Atem geht schnell, das Herz wummert in meiner Brust, als wollte es jeden Moment herausspringen. Ich sehe die Bilder noch immer vor mir, als hätten sie sich über die Netzhaut direkt in mein Hirn gebrannt. Die Schreie der jungen Frau hallen in meinen Ohren nach und scheinen niemals verstummen zu wollen. Jessica fleht und bettelt, winselt, wirft sich hin und her, soweit es ihre Fesseln erlauben, windet sich in unvorstellbaren Schmerzen, als zuerst ihre rechte, dann die linke Hand unter dem Kreischen der Knochensäge abgetrennt werden. Ihr Peiniger, nur als Umriss eines Menschen in der Dunkelheit erkennbar, geht mit stoischer Ruhe vor, lässt sich vom Wimmern der dem Tode geweihten Frau nicht aus der Fassung bringen. Mit eiskalter Präzision zerteilt er nach und nach ihren Körper. Ich bin nicht sicher, wann sie gestorben ist. Wahrscheinlich unmittelbar nachdem ihr rechter Unterschenkel abgetrennt wurde. Das infernalische Zischen des Sägeblattes, während es rasend schnell rotierend in menschliches Fleisch schneidet, dieser Moment, in dem eine wahre Explosion von Rot daraus hervorschießt, als die Beinschlagader birst, das heisere Knirschen, als Knochen durchtrennt wird, all das hat mich vergessen lassen, auf Jessicas Regungen zu achten. Zu sehr hielt mich die Impression ultimativer Macht über Leben und Tod in ihrem Bann.

Ich starte die Wiedergabe erneut.

Isabelle

Horror-Kurzgeschichte, erscheint in "Zwielicht 10", 2017

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Sascha Dinse
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