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Waldenstein - Ein Schloss mit vielen Geschichten von Werner M. Thelian

1835 hob man auf Schloss Waldenstein jenes „Heimatlied“ aus der Wiege, das 1966, vor 50 Jahren also, zur offiziellen Kärntner Landeshymne erklärt wurde. Aber auch sonst hat das Schloss viele Geschichten zu erzählen. Die ehemals bambergische Burg war Familiensitz der Herren von Ungnad und ein wichtiges Zentrum der Reformation in Kärnten. Bis heute ist es eng mit einem weltweit erfolgreichen Zweig der Kärntner Montanindustrie verbunden.

So ein Jännertag kann mitten im Waldensteiner Graben eine ziemlich frostige Angelegenheit sein. Besonders dann, wenn man ihn im Jahr 1835 auf einem Schloss verbringt, das zwar schon viele Jahrhunderte und etliche Gefahren überstanden, aber wohl in kaum einem der Räume eine ordentliche Heizung hat. Ob am Tag, am Abend oder bei Nacht – um diese Jahreszeit kann es immer vorkommen, dass schneidend kalter Wind gegen das Gemäuer drängt und die Menschen, die sich im Inneren des Schlosses aufhalten, dermaßen der Zugluft aussetzt, dass man ernsthaft um ihre Gesundheit fürchten muss.

Trotzdem hatte es sich der Kaufmann und Gewerke Johann Michael Offner partout nicht ausreden lassen, das Jubiläum seines erfolgreichen Bergwerksunternehmens im Jänner 1835 an Ort und Stelle zu feiern. Schon 1790 hatte Offners Vater die Herrschaft Waldenstein samt Schloss, Eisenbergbau, Schmelzofen und Hammerwerk gepachtet und dann 1805 die Gunst der Stunde genutzt, um sie käuflich zu erwerben. Seither gehörte Waldenstein zu einem auf mehreren Standbeinen errichteten Familienunternehmen, das neben dem weithin bekannten Stammgeschäftshaus in Wolfsberg noch weitere Firmen und Beteiligungen besaß.

Die Geburt des Kärtner Heimatliedes

Für die Gäste, die damals der Einladung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten folgten, hatte sich Offner einige Überraschungen ausgedacht. U.a. hatte er den ursprünglich aus Wien stammenden, aber schon seit einiger Zeit im Lavanttal lebenden Josef Ritter von Harbach um eine Kostprobe seines musikalischen Könnens gebeten. Der Komponist und Musiker hatte gleich zugesagt und in der Waldensteiner Schlossbibliothek nach einem geeigneten Text gesucht. Das Gedicht, das er schließlich für das Fest vertonte, stammte aus der Feder eines anderen Wahl-Lavanttalers, nämlich des Juristen und Dichters Johann Nepomuk Thaurer Ritter von Gallenstein. Der gebürtige Judenburger, der lange die Lavanttaler Herrschaften Wiesenau und Payerhofen verwaltet hatte und mittlerweile ein hoher Beamter in Klagenfurt war, hatte das Gedicht schon 1822 in der Zeitschrift „Carinthia“ veröffentlicht: „Des Kärntners Vaterland“.

Das Schloss und die kleine Ortschaft Waldenstein verdanken ihre Bedeutung u.a. dem Bergbau in der Region. Abbildung: Historische Ansichtskarte aus der Zeit um 1905.

Im Jänner 1835 erregte die von Harbach vertonte und selbst vorgetragene Fassung nicht nur bei Offner und seinen Gästen große Begeisterung, sondern erwies sich als Liedkomposition, die schon bald, wie es heißt, im ganzen Lavanttal und auch darüber hinaus oft und gern gesungen wurde. Ab 1911 wurde das patriotische Lied insbesondere von der Kärntner Landsmannschaft als „Heimatlied“ gefördert und erlangte dann vor allem zur Zeit des Kärntner Abwehrkampfes zusätzliche Bedeutung. 1930, zum 10-Jahres-Jubiläum der Volksabstimmung, schrieb die Landsmannschaft einen Wettbewerb aus, bei dem das Lied eine neue vierte Strophe aus der Feder von Agnes Millonig erhielt. 1966 wurde das „Kärntner Heimatlied“ als offizielle Landeshymne eingeführt: „Dort, wo Tirol an Salzburg grenzt.“

Ein Schloss mit großer Geschichte

Aber schon lange davor, noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bewirkte das populäre Lied, dass sich immer mehr Menschen für das alte Schloss im Waldensteiner Graben zu interessieren begannen. Man forschte nach der Geschichte des alten Gemäuers und förderte unter beinahe schon Vergessenem auch so manches Erstaunliche zutage.

Die am 30. Mai 1936 eröffnete neue „Packer Höhenstraße“, jahrzehntelang eine stark frequentierte Straßenverbindung zwischen Kärnten und der Steiermark, sorgte für zusätzliche Bekanntheit des Schlosses. Foto: Europa Motor, 1936.

Bald schon war vielerorts zu lesen, dass die ursprüngliche Burg schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Auftrag des Bistums Bamberg erbaut worden war. Die Bamberger Bischöfe, die durch kaiserliche Schenkungen auch im Lavanttal reich begütert waren, forcierten bei Waldenstein den Bergbau nach Eisenerz. Einige Jahrhunderte lang sind Familienmitglieder aus dem Geschlecht der Ungnad von Sonnegg als bambergische Lehensträger und Herren über die bald zum Schloss ausgebaute Burg und die Herrschaft Waldenstein belegt.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war das Schloss unter dem evangelischen Landes- und Feldhauptmann Hans Ungnad von Sonnegg ein bedeutendes Zentrum der Reformationslehre im Lavanttal und in Kärnten. Hans Ungnad war viele Jahre lang ein enger Berater von Kaiser Ferdinand I. und mehrfach als kaiserlicher Kurier in höchst sensiblen Angelegenheiten unterwegs. Für seine Verdienste wurde er zum Ritter geschlagen und konnte sich nach der Beendigung seines Dienstes für Kaiser und Vaterland ganz dem weiteren Ausbau von Waldenstein widmen.

Als im Zuge der katholischen Gegenreformation dann der Wind für die Anhänger Luthers deutlich rauer wurde, musste schließlich auch Hans Ungnad von Sonnegg Waldenstein und Kärnten verlassen. Er wanderte aus und investierte einen Teil seines beträchtlichen Vermögens in eine Druckerei in Urach bei Tübingen. Dort übersetzte der aus der Gegend von Laibach stammende evangelische Landpfarrer Primus Trubar, der heute als Schöpfer der slowenischen Schriftsprache gilt, mithilfe Georg Dalmatins die Schriften Luthers, um die so heftig umstrittene Reformationslehre auch in seiner Heimat Slowenien zu verbreiten.

Als die Druckerei in Urach schließlich aufgelassen wurde, sollen eine große Druckerpresse, etliches Werkzeug und auch die Lettern nach Waldenstein gebracht und dort für lange Zeit aufbewahrt worden sein. Über ihr weiteres Schicksal ist jedoch nichts Sicheres bekannt. Angeblich sollen Jahrhunderte später Soldaten Napoleons die Druckerpresse nach Paris verschleppt haben.

Als 1607 Simon Ungnad von Sonnegg starb, ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen, wechselte die Herrschaft Waldenstein wieder ihre Besitzer. Zunächst ging sie zurück an das Bistum Bamberg und seine Lehensträger und gelangte schließlich 1781 an die Grafen von Schönborn. Weil der Bergbau jedoch darniederlag, wurde mehrfach ein Verkauf erwogen. 1790 wurde die Herrschaft dann von Johann Michael Offner gepachtet und 15 Jahre später käuflich erworben.

Weit zurückreichende Bergbaugeschichte

Spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ist beim Schloss Waldenstein ein Hammerwerk nachweisbar, in dem die in der Umgebung geförderten Erze verarbeitet wurden. Die Eisenproduktionsstätte erlebte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter Hans Ungnad von Sonnegg ihre große Blütezeit. 1805 wurde sie vom Wolfsberger Kaufmann und Gewerken Johann Michael Offner nach mehrjähriger Pacht samt Schloss und Herrschaft Waldenstein erworben und weiter ausgebaut.

Schloss Waldenstein mit Hochofen und Gusswerk in den späten 1850er Jahren. Damals befanden sich das Schloss und die Eisenproduktionsstätte bereits im Besitz von Graf Hugo Henckel von Donnersmarck. Abbildung; Archiv.

Von 1851 an gehörte das Unternehmen zum Besitz des Grafen Hugo Henckel von Donnersmarck, der einige Jahre später die Gießerei und bald auch die Erzförderung und den Hochofen stilllegte. Stattdessen stieg man auf die Förderung von Eisenglimmer um und erbaute 1897 eine Farbenmühle zur Herstellung von Rostschutzfarbe. Daraus entwickelte sich schließlich ein bis heute auf dem Weltmarkt erfolgreicher Betrieb der Kärntner Montanindustrie.

Ein interessantes Ziel für romantisch gestimmte Geister

Im Mai 1862 unternahm der gerade erst 20 Jahre alte Klagenfurter Autor und Journalist Rudolf Waizer in der Gesellschaft einiger Freunde eine Wanderung von Wolfsberg zum Preblauer Sauerbrunnen. Nach dem Aufenthalt im oberen Lavanttal trat man am Nachmittag, noch immer in ausgelassener Laune, den Nachhauseweg an. Weil man aber zu spät aufgebrochen war und es unterwegs schon bald dunkel wurde, fasste man den Plan, sich im nahen Waldenstein nach Quartieren für die Nacht umzusehen. Unterkunft fand man schließlich im örtlichen Gasthaus.

Am nächsten Morgen nützte Waizer die sich bietende Gelegenheit, um das nahe Schloss zu besichtigen und dessen Inneres zu erkunden. Später schrieb er: „Waldenstein, ein Schloss mit festen schindelbedachten Mauern, hat noch ganz das Gepräge des Mittelalters und erregt ein eigenes Gefühl in der Brust des Erstlingsbeschauers, das sich weder nennen noch beschreiben lässt.“

Umso genauer schilderte er dafür den schon sehr herabgekommenen Innenhof des Schlosses und den mächtigen Turm, erkundete die ehemaligen Gemächer der einstigen Bewohner, stieg über enge Treppen, warf einen Blick in die alte Schlosskapelle und betrat schließlich ehrfürchtig die sogenannte „Kornettkeusche“. In diesem Verlies, in das nur durch ein winziges Fenster Licht fiel, soll in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts jener Kornett Peter Ekhard von Pekern festgehalten worden sein, der dem eifersüchtigen bambergischen Vizedomvorsteher Philipp von Dornbach in einer Herzensangelegenheit in die Quere gekommen war. Ehe der Kornett, von allen vergessen, den Hungertod starb, hinterließ er an der östlichen Kerkermauer die angeblich mit Blut geschriebenen und noch heute sichtbaren Zeilen:

„O Richter richte recht!

Denn du bist Herr, und ich bin Knecht.

Wie du wirst richten mich,

So wird Gott richten dich!“

Peter Ekhard v. Pekern.

Kornett. 1669“

Die Schrift, schrieb Waizer, werde durch eine Wandtür vor „Verstümmelungen einer frechen Hand“ geschützt. Weil Waizers mehrseitiger Bericht später u.a. in der Zeitschrift „Carinthia“ veröffentlicht wurde, trug auch er dazu bei, das Schloss Waldenstein mit seinen vielen Geschichten weithin bekannt zu machen.