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Das war zweitausendpandemzig

Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss. Es gibt Zeiten der Flucht und des Rückzugs. Und es gibt solche, wo man sich aufmacht, dem Feind ins Auge zu sehen - wenn man denn weiß, wo er zu finden ist. Der Feind meiner Seele ist die Finsternis des nordischen Winters. Regelmäßig laugt sie mich aus. Es war leicht, der Düsternis nach Süden zu entfliehen. Doch irgendwann muss man sich stellen. Deshalb begann unser 2020 in der Schwärze der Polarnacht, irgendwo auf halbem Wege zwischen Nordkapp und Nordpol.

Es fühlt sich unwirklich an, als lebte man in einem Gemälde, einem riesengroßen Kunstwerk

Die raue Begegnung mit der Arktis hat uns sehr geprägt. Sei es die unbeschreibliche Ästhetik dieser Kargheit, sei es die Erinnerung daran, wie winzig wir sind, wenn man bei -30°C in totaler Stille und ohne Lichtverschmutzung ins Universum blickt, sei es die eigene Verletzlichkeit, denn jederzeit könnte man von einem neugierigen Fleischfresser angegriffen werden, sei es die Verletzlichkeit des Planeten, denn nirgendwo ist der Klimawandel deutlicher als nahe den Polen. Vielleicht war die arktische Begegnung eine paradoxe Heilung, denn fern der Sonne verließ mich nicht nur die Winterdepression, sie setzte auch alles in eine andere Perspektive, was 2020 sonst noch so geschehen sollte.

Wer mehr davon hören oder sehen möchte, darf gerne unser Reisetagebuch durchstöbern. (Außerdem hat das ZDF vor wenigen Tagen eine sehenswerte Dokumentation veröffentlicht, die einen Monat nach unserem Besuch gedreht wurde.)

Wer kann sjuksköterska richtig aussprechen? Kein Problem. Sag einfach Krankenschwester. Schwester Karen fühlt sich sauwohl mit ihren Frühchen und lernt und bildet sich weiter, wo sie nur kann. Und weil wir zwei viel miteinander reden und unternehmen, weiß mittlerweile auch ich mehr über Föten und Embryos, die Entwicklung von Gehirn und Lungen als damals bei unseren eigenen drei Babys. Spannend eigentlich.

Ansonsten ist 2020 für uns alle wohl sehr ähnlich verlaufen, nämlich ganz anders als gedacht. Einige waren besorgt, weil wir hier im Lande der etwas anderen Ansätze leben. Mundschutz ist hier zum Beispiel immer noch nicht vorgeschrieben, noch nicht einmal empfohlen - immerhin aber auch nicht verboten, und deshalb tragen wir ihn gerne. Bedenkt man nämlich, dass der "Schnutenpulli" vor allem andere und kaum einen selbst schützt, dann wird er fast zur Uniform der Nächstenliebe - und damit eine Pflichtübung für Christen. Finden wir jedenfalls.

Zu Beginn der ersten Welle hatte Karen die Ehre, ihre zweite Lebenshälfte anzutreten. Große Parties waren da unangebracht, aber man kann ja auch im kleinen Kreis groß feiern.

Sveas Uni in Canterbury stellte schnell auf digitale Vorlesungen und Seminare um, und sie hatte das Glück, einen der letzten Plätze auf dem letzten Flieger vor dem Lockdown zu bekommen. Einen Tag später wäre nichts mehr gegangen. Somit zog sie für ein weiteres halbes Jahr wieder bei uns ein.

Mittsommer: Wir konnten es nicht bleiben lassen, das Filmplakat nachzustellen...

Für Nils brachte Corona etwas Glück: Er hatte sich den Fuß gebrochen und hätte um ein Haar zu viele Krankheitstage gehabt, um das Semester zu bestehen. In für ihn letzter Minute entschied die Uni aber, alle Studenten mit ihrem jeweiligen Notendurchschnitt bestehen zu lassen und das Semester wegen Covid vorzeitig abzuschließen. Nils blieb darauf bei seiner WG in Manchester - ein nicht unwesentlicher Grund dazu war natürlich die Liebe. Seine Freundin Anna schloss dieses Jahr ihr Arabischstudium ab und trat ihre erste Stelle an, auch in Manchester. Während der Lockerungen im Sommer kam Nils uns aber besuchen, wenn auch alleine. Er musste jedoch wegen der ständigen Unplanbarkeiten früher als geplant zurück.

Ein abendliches Bad in meinem "eigenen", gut versteckten und geheimen See.
Wozu hat man seinen eigenen Barkeeper?

Ole und Athene wohnen weiter in unserer Nähe, was uns natürlich freut. Ole programmiert, meine neue Akkumotorsäge habe ich z.B. auf dem neuen Husqvarna-Shop gekauft, den er mitgestaltet hat. Athene designed und gestaltet, ein paar ihrer Produkte kann man z.B. hier bestaunen und kaufen. Im Sommer haben wir die Gelegenheit genutzt, mal wieder ein paar seriöse Familienfotos zu machen.

Nur einer von uns konnte 2020 den Geburtstag im Kreise der ganzen incredible Familie mit Incredible Burgern feiern.

Karen bekam als skjuksköterska wegen Corona einen ganzen Monat einen kostenlosen Mietwagen, um weniger Bus fahren zu müssen. Den haben wir gleich für alle möglichen Großeinkäufe ausgenutzt. Hinterher investierten wir in zwei neue Fahrräder samt einem Transportanhänger. Und wir müssen sagen, ein Leben ohne Auto entschleunigt und entstresst enorm. Man braucht nicht unbedingt einen Hundeschlitten auf Spitzbergen, um der Natur näher zu sein. Ein Drahtesel im Herbst hat auf die Dauer einen ähnlichen Effekt.

Obendrein haben wir uns dieses Jahr zum ersten Mal als Anteilseigner der Jahresernte eines Bauernhofs in der Nähe eingekauft. Von Mai bis November gab es eine Abholung wöchentlich. Nicht nur echt lecker, auch echt cool.

Was sonst noch so passiert ist...

Marcus ist kein Europadirektor mehr

Damit entkomme ich viel administrativem Zeitraub und Frust und kann mich wieder mehr auf die Gemeinde der Zukunft konzentrieren, z.B. durch unser Projekt "Tro & Tvivel" (= Glaube und Zweifel) - Gemeinde in der Künstlerszene oder theologische Reflexionen über die großen Trends dieses Jahrhunderts.

Tro & Tvivel

Tro & Tvivel ist ein alternatives Gemeindeprojekt in der professionellen Künstler- und Musikscene. Seit der Pandemie ist hier einiges los, z.B. Podcasts und regelmäßige digitale Treffen. Vor allem aber starteten wir im Herbst die Initiative "KulturAid" und setzen uns damit als Gemeinde für Kulturschaffende ein, die vor dem Aus stehen. Für viele in diesem Milieu ist das ein völlig neue Erfahrung mit Christen.

KulturAids Logo

Trauung!

Im August hatte ich das wunderbare Vorrecht, die Trauung von Anita und Lukas Rutsch mitzugestalten. Danke für diese Ehre und Euer Vertrauen, ihr zwei, möge eure mindestens 50-jährige Ehe so schön werden, wie sie an diesem Tag begonnen hat!

Montagstreffen

Seit April biete ich einen digitalen runden Tisch für Gemeindegründer und Theologen über die Fragen dieser Zeit an. Daraus sind dieses Jahr zwei jeweils dreitägige digitale Freizeiten entstanden mit teilweise hochinteressanten und relevanten Vorträgen.

Für eines dieser digitalen Konvente habe ich einen Film über das Buch Daniel gemacht.

Psychische Nachhaltigkeit

Karen und ich haben uns auch gemeinsam etwas mit aktuellen Phänomenen beschäftigt, wie zum Beispiel Porno.

Young Generation

Im letzten Jahrzehnt hat die Anzahl psychischer Diagnosen bei jungen Menschen des Westens beunruhigend zugenommen. Auch das ist ein sehr ernstzunehmender Trend. Auf der Seele der heranwachsenden Generationen liegen schwere Lasten.

Nachhaltig Kochen

Manche glauben immer noch, unsere Kost sei so spannend wie Gras fressen. Während des Sommers haben wir also mal ein paar unserer Rezepte verfilmt und behaupten das Gegenteil...!

Wir haben Bock!

Und was für einen! Fast täglich kommt uns dieser Rehbock ein bis zwei Stunden in unserem Garten besuchen, käut wieder, putzt sich, schläft. Wir sind sehr stolz, dass die Natur bei uns zu Hause ist.

Hier muss er gegen einen Rivalen ein Horn verloren haben.

Abschließend...

... gäbe es wohl nur noch festzustellen, dass in der Dunkelheit das Licht leichter gesehen wird. Wir begannen das Jahr in der Polarnacht, und ausgerechnet dort wurden wir an ganz elementare Dinge erinnert, die wir im Westen schnell vergessen.

Seit 2020 können wir vielleicht ein bisschen besser verstehen, was "Erlösung" bedeuten könnte - dass es etwas sehr viel größeres und konkreteres sein muss als eine private, religiöse Erfahrung. Vielleicht sehen wir ein, wie schwer es uns fällt, uns selbst zu erlösen. Oder wie leer unser Leben ist, wenn wir nicht ständig mit Aktivitäten abgelenkt werden. Dabei ist die Pandemie nur ein kleines Wetterleuchten am Horizont. Dennoch bröckelt am Wort "Erlöser" etwas altbackene Kruste ab, manche beginnen zu ahnen, dass dahinter mehr zu finden sein könnte als nur kirchliche Tradition, man beginnt vielleicht sogar zu verstehen, dass "Nachfolge" mehr ist als ein Weihnachts- oder Sonntags-Plug-in. Wir mögen uns selbst nicht erlösen können, aber wir können dem Erlöser folgen. Dessen Welt war seinerzeit vom Römervirus befallen, so haben alle das erlebt. Wie heute nahmen manche es hin, einige "demonstrierten", aber zufrieden war wohl keiner. Christus folgen bedeutet, einen ganz anderen Weg zu wählen, heißt sich klein und verletzbar machen. Alle zu lieben, ob sie nun straight oder quer denken. Denn in der Dunkelheit leuchtet auch die Liebe besser. Möge uns das unerwartet ungewöhnliche Weihnachten 2020 daran erinnern, wie ganz anders der Erlöser in Wahrheit ist.

Wir wünschen Euch ein frohes Fest und ein gutes, gesundes 2021.

Marcus und Karen

Created By
Marcus Fritsch
Appreciate

Credits:

Alle Fotos (außer Neon Hearts): © Angered Media | Foto Neon Hearts (ganz unten): Adobe Stock, Fotograf unbekannt | Logo KulturAid: Tro och Tvivel/Athene Fritsch | Illustration Hochzeit: Veronika Gruhl @veronikagruhl (Instagram)