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15 Männer und die Geburtsurkunde der Bundeswehr 70 Jahre Himmeroder Denkschrift

Von Frank Jungbluth

Vom 5. bis zum 9. Oktober 1950 tagte im Eifelkloster Himmerod eine Gruppe von ehemaligen Generälen und Admiralen mit Geheimdienstlern, um die Grundlagen für eine neue westdeutsche Armee zu schaffen. Sie schrieben ein Positionspapier, das als Himmeroder Denkschrift in die Geschichte der demokratischen Streitkräfte eingehen sollte.

Berlin. Die Lage war bedrohlich im Herbst 1950, als sich 15 Männer in der Abgeschiedenheit des Zisterzienserklosters Himmerod zurückzogen, um ein Papier zu schreiben, in dem die Grundzüge neuer (West-)Deutscher Streitkräfte aufgezeichnet werden sollten. In Korea tobte ein erbitterter Krieg, ein Stellvertreterkrieg zwischen dem demokratischen Westen und den kommunistischen Staaten der Welt, zwischen Amerikanern, Sowjets und Chinesen, die den Kampf der Systeme ausfochten.

In der Bundesrepublik Deutschland, der demokratische Staat war eineinhalb Jahre zuvor mit der Verabschiedung und Inkraftsetzung des Grundgesetzes gegründet worden, herrschte nach dem Überfall des nordkoreanischen kommunistischen Machthabers Kim Il Sung auf das von den USA unterstützte Südkorea im Juni 1950 Angst. Der furchtbare Zweite Weltkrieg, der Deutschland auch moralisch zerstört und in zwei Teile zerrissen hatte, war gerade fünf Jahre vorbei. In der kommunistischen DDR drohte deren Staatschef Walter Ulbricht unverhohlen: Korea lehre, dass Marionettenregierungen früher oder später hinweggefegt würden. Er meinte damit die Adenauer-Regierung, die anders als der Diktator in der DDR demokratisch vom Souverän legitimiert war.

Soldaten der 1st Marine Division im Koreakrieg 1950. Foto: US Marine Corps

Das Problem: An der Elbe standen 300.000 hochgerüstete Sowjetsoldaten, die Westalliierten hatten nur 150.000 Mann in der Bundesrepublik stationiert, viele von ihnen für Kampfaufgaben eher nicht geeignet, während in der DDR mehr oder weniger verdeckt kasernierte Volkspolizei zu einer neuen Nationalen Volksarmee aufgerüstet wurde.

Nach einer Tagung des Nato-Rates im September war klar, dass die Westalliierten zum einen einen Angriff auf die Bundesrepublik gemeinsam abwehren würden und eine solche Aggression des Kommunismus wie einen Angriff auf sich selbst zurückschlagen würden. Zum anderen war klar, dass sich die Bundesrepublik im Rahmen des transatlantischen Bündnisses an der Verteidigung würde beteiligen müssen. Eine Entscheidung, die für Bundeskanzler Konrad Adenauer unausweichlich war, wenn der westdeutsche Staat souverän werden wollte.

In Himmerod trafen am 5. Oktober 1950 unter anderem die Offiziere Wolf Graf Baudissin, Hermann Foertsch, Walter Gladisch, Adolf Heusinger und Hans Speidel zusammen. Sie gründeten fünf Ausschüsse für ihre Klausur, in denen die Grundzüge der Militärpolitik, des Allgemeinen, der Organisation und der Ausbildung einer neuen westdeutschen Armee beraten wurden.

Am offiziellen Gründungstag der Bundeswehr am 12. November 1955 erhalten Adolf Heusinger (l.) und Hans Speidel (r.) vom späteren Verteidigungsminister Theodor Blank ihre Erkennungsurkunden zum Generalleutnant. Foto: Bundespresseamt

Nicht in allem war man sich immer einig, vor allem für Wolf Graf Baudissin war das neue Prinzip der inneren Führung, deren herausragende Merkmale der Staatsbürger in Uniform und die Mitbestimmungsrechte der Soldaten sind, entscheidend. Ohne die in dieser Denkschrift bereits verankerte Mitbestimmung wäre der Deutsche BundeswehrVerband nicht denkbar, der 1956, ein Jahr nach dem Einrücken der ersten Freiwilligen zur neuen Bundeswehr im November 1955, gegründet wurde.

Die acht Generäle, zwei Admirale und fünf Stabsoffiziere, die an der Denkschrift mitarbeiteten, schufen die theoretischen Grundlagen der neuen Armee, deren Soldaten anders als Reichswehr und Wehrmacht nach dem ersten Weltkrieg die Demokratie und die Menschenrechte in Deutschland und Europa verteidigen sollten. „Ebenso wichtig wie die Ausbildung des Soldaten ist seine Charakterbildung und Erziehung. Bei der Aufstellung des deutschen Kontingentes für die Verteidigung Europas kommt damit dem inneren Gefüge der neuen deutsche Truppe große Bedeutung zu“, heißt es im Text der Denkschrift. Etwas grundlegend Neues sei zu schaffen, waren sich die Autoren der Himmeroder Denkschrift einig. Das deutsche Kontingent dürfe kein Staat im Staate werden, das sind die Grundlagen der Parlamentsarmee, wie wir sie heute kennen.

Einer, der streng überwachte, dass die Basis der neuen Armee das Bekenntnis ihrer Soldaten zur demokratischen Staats- und Lebensform sein müsse, war Gerhard Graf von Schwerin, der Sicherheitsberater von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Schwerin hatte in beiden Weltkriegen als Offizier gedient, er war bis zu seinem Tode 1980 wehrpolitischer Berater der FDP-Bundestagsfraktion.

Generalleutnant Wolf Stefan Traugott Graf von Baudissin war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr und insbesondere an der Entwicklung der Inneren Führung beteiligt. Foto: Bundeswehr/Nato

Nach der Tagung in Himmerod wurden die Vorbereitungen für neue deutsche Streitkräfte forciert. Das Amt Blank wurde als Basis des späteren Bundesverteidigungsministeriums eingerichtet und Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte, gab 1951 eine Ehrenerklärung für die Soldaten der früheren Wehrmacht ab. Das war die Voraussetzung für die Übernahme früherer Wehrmachtssoldaten in die neue Bundeswehr.

Einer der Autoren der Himmeroder Denkschrift, Wolf Graf Baudissin, wurde später im Range eines Generalleutnants stellvertretender Chef des Stabes für Planung und Operation beim Nato-Oberkommando in Europa, ein anderer, General Adolf Heusinger, war mit seiner Berufung am 1. Juni 1957 erster Generalinspekteur des Bundeswehr.

Mit einem kurzen Film erinnert das Zentrum Innere Führung auf dem Internet-Auftritt der Bundeswehr an die Himmeroder Denkschrift.

Die innere Führung und der Staatsbürger in Uniform sind bis heute ein wichtiges Merkmal und identitätsstiftend für die Bundeswehr. Dazu gehören die gesetzlich festgelegten Beteiligungsrechte der Soldaten wie auch das Prinzip des Führens mit Auftrag. Das Zentrum Innere Führung (ZInFü) in Koblenz, das am 1. Oktober 1956 als Schule der Bundeswehr für Innere Führung in Köln gegründet wurde, ist heute unter dem Kommando von Generalmajor André Bodemann die Denkfabrik der Bundeswehr, in der auch die Maxime der Inneren Führung ständig weiter entwickelt wird. Der Deutsche BundeswehrVerband ist dem ZInFü über die Karl-Theodor-Molinari-Stiftung im Freundeskreis des Zentrums Innere Führung eng verbunden.

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Frank Jungbluth
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