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Die Expedition der SMS Novara und ihre Auswirkungen auf die Geschichte der Medizin

Es war die aufwendigste und wohl auch ergiebigste Expedition zur See, die Österreicher jemals unternommen haben – die Expedition der Fregatte SMS Novara, die von 1857 bis 1859 die Welt umsegelte, um nautische Kenntnisse zu erproben und Handelsbeziehungen mit fremden Ländern anzubahnen. Unter den 352 Mann an Bord waren auch Wissenschaftler, die beinahe unermüdlich sammelten und forschten. Einige ihrer Mitbringsel und Erkenntnisse gelangten in der Medizin zu großer Bedeutung.

Wer das Heeresgeschichtliche Museum in Wien besucht, begegnet in der Marineausstellung u.a. dem eindrucksvollen Modell der k.k. Fregatte SMS Novara, das im Maßstab von 1:75 an eines der berühmtesten Schiffe der einstigen Seemacht Österreich erinnert. Auch auf Gemälden und Grafiken ist die stolze Fregatte zu sehen, die 1850 in Venedig vom Stapel lief und zunächst als Kriegsschiff zahlreiche Ausbildungs- und Übungseinsätze absolvierte, ehe sie zum Expeditions- und Forschungsschiff umgebaut wurde und 1857 vom damals noch österreichischen Hafen Triest aus zu einer großen und international beachteten Weltumsegelung aufbrach.

Die SMS Novara auf einem Gemälde von Josef Püttner, nach 1862. Abbildung: Wikimedia.

51.686 Seemeilen über die Meere

Die Initiative für das mehr als ehrgeizige Vorhaben ging von Erzherzog Ferdinand Max aus, dem jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph und seines Zeichens Oberkommandant der Marine. Mit der ersten Weltumsegelung eines österreichischen Kriegsschiffes wollte man unter den Seemächten dieser Welt „Flagge" zeigen und die Fortschrittlichkeit der österreichischen Kriegsmarine beweisen. Darüber hinaus sollten neue diplomatische und wirtschaftliche Kontakte mit entlegeneren Teilen der Welt aufgenommen und wissenschaftliche Erkenntnisse auf den Gebieten der Geologie, Botanik, Zoologie, Ethnologie und Medizin gesammelt werden.

Entsprechend umfangreich waren die Vorbereitungen, die mehrere Jahre dauerten und in die neben den besten wissenschaftlichen Köpfen Österreichs auch der deutsche Gelehrte, Abenteurer und Entdecker Alexander von Humboldt mit eingebunden war. Als die Segelfregatte SMS Novara am 30. April 1857 unter Kapitän Bernhard von Wüllerstorf-Urbair endlich in See stechen konnte, hatten die an Bord befindlichen Forscher zahlreiche Aufträge bei sich, die es in den folgenden Monaten abzuarbeiten galt.

Die Reise führte von Triest aus über Gibraltar, Madeira, Rio de Janairo, Südafrika, Ceylon und Madras nach Singapur, dann nach Java, Manila, Hongkong, Shanghai und Sydney, von wo aus schließlich die Rückreise angetreten wurde. Insgesamt sollte die Expedition mehr als zwei Jahre dauern, in denen die Novara mit ihrer 352 Mann starken Besatzung (darunter sieben Wissenschaftler) insgesamt 51.686 Seemeilen zurücklegten.

Der erste Reiseabschnitt führte von Triest nach Gibraltar und wurde, wie alle anderen Details der Reise auch, später in zahlreichen Büchern dargestellt und beschrieben. Abbildung: Reise der Oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, Band 1, von Karl von Scherzer.

Umfangreiche Forschungen

Die Forscher an Bord dokumentierten die Reise nicht nur auf Karten, in Skizzen, Tagebucheintragungen und wissenschaftlichen Arbeiten, sondern sammelten unterwegs auch Zigtausende Objekte – darunter völkerkundliche Zeugnisse, paläontologische Funden, Mineralien, Pflanzen und über 26.000 Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische und Insekten, von denen viele bis zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt waren.

Aber auch die „medizinische" Ausbeute konnte sich durchaus sehen lassen. So beschäftigten sich die Wissenschaftler nicht nur mit der Erforschung von Skorbut, der Seekrankheit und der Nachtblindheit, sondern untersuchten in einigen Ländern auch das Auftreten von Ruhr, Typhus, Gelbfieber und Cholera. In den Tropen beobachteten sie den Verlauf entzündlicher Haut- und Augenerkrankungen, interessierten sich für das Wissen der einheimischen Medizinmänner und sammelten Gifte und Drogen, um sie nach der Rückkehr auf ihre medizinische Verwendbarkeit hin untersuchen zu lassen. Darunter war auch das legendäre südamerikanische Pfeilgift Curare, das von den Einheimischen aus der Rinde und den Blättern verschiedener Lianenarten hergestellt und vor allem für die Jagd auf Tiere verwendet wurde. Curare wirkt bekanntlich tödlich, wenn es über die Blutbahn aufgenommen wird.

Blick in den Hafen von Kapstadt. . Abbildung: Reise der Oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, Band 1, von Karl von Scherzer.

Besonders genau untersuchten und registrierten die Forscher der Novara die Verbreitungsgebiete des Chinarindenbaumes, aus dessen Rinde schon seit langem eine besonders wichtige Arznei hergestellt wurde: Chinin. Das Mittel, das man seit Jahrhunderten gegen Malaria, Fieber und Schmerzen einsetzte, schien jedoch gefährdet, weil man damals annahm, der Chinarindenbaum sei vom Aussterben bedroht. Allerdings stellte sich diese Befürchtung später als unbegründet heraus.

Das Kokain gelangt nach Europa

Unter den unzähligen wertvollen Mitbringseln, die mit den Forschern aus Südamerika nach Wien gelangen sollten, befanden sich auch eher unscheinbare Pflanzenblätter, die von den Indios schon seit Tausenden von Jahren gekaut und auf diese Weise als Aufputschmittel, gegen Hunger, Traurigkeit und Schmerzen eingesetzt wurden, aber in Europa noch völlig unbekannt waren: die Blätter der Kokapflanze.

Obwohl man bei ersten Selbstversuchen an Bord der Novara rasch feststellte, dass die Blätter eine betäubende Wirkung auf Lippen und Zunge ausübten, wurde ihr wahrer wissenschaftlicher Wert erst viel später erkannt. Zwar isolierte man nach der Rückkehr des Schiffes aus den Blättern am chemischen Institut der Universität Göttingen einen Stoff, der den Namen „Kokain" erhielt, aber bis zu seiner Erschließung für die medizinische Anwendung vergingen noch zwei weitere Jahrzehnte. Erst dann erkannte der Wiener Ophthalmologe Carl Koller als erster die lokalanästhetische Wirkung des Stoffes und setzte ihn in der Augenchirurgie ein.

Auf der Insel Ceylon. Abbildung: Reise der Oesterreichischen Fregatte Novara um die Erde, Band 1, von Karl von Scherzer.

Kollers Entdeckung wurde im September 1884 auf dem Heidelberger Kongress der Augenärzte vorgestellt und bald auch in anderen medizinischen Teilgebieten erfolgreich eingesetzt. Kokain blieb lange Zeit das Mittel der Wahl, ehe es später von weniger schädlichen und nebenwirkungsfreieren Substanzen abgelöst wurde und heute nahezu völlig aus der Medizin verschwunden ist.

Eine Ausbeute für Generationen

Nachdem die SMS Novara am 26. August 1859 wieder wohlbehalten im Hafen von Triest einlief, wurden die zahlreichen gesammelten Objekte zum überwiegenden Teil in verschiedenen Hofkabinetten der Kaiserstadt Wien untergebracht, die jedoch wegen der unerwartet großen Fülle schon bald aus allen Nähten platzten. Rasch erkannte man, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung Jahrzehnte in Anspruch nehmen und Generationen von Forschern beschäftigen würde. Heute befinden sich die meisten Objekte in den großen Wiener Museen – v.a. im Naturhistorischen Museum, im Kunsthistorischen Museum und im Völkerkundemuseum (Weltmuseum Wien).

Die Ankunft der Novara im Hafen von Triest am 25. August 1859. Abbildung: Illustrierte Zeitung, 17. 9. 1859, ÖNB Zeitungsarchiv.

Die Fregatte SMS Novara wurde kurz nach der großen Weltumsegelung erneut adaptiert, diente als Kriegs-, Reise- und Schulungsschiff und wurde schließlich 1898 außer Dienst gestellt und abgewrackt.

Werner Thelian

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Werner Thelian
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Credits:

Created with images by jarmoluk - "sky clouds landscapes", Wikimedia, ÖNB-Zeitungsarchiv und ÖNB Büchersammlung.

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