"Ein trauriges Erlebnis jener Tage möchte ich nicht verschweigen" Margarete Schütte-Lihotzky erzählt

Ein Kollege von der Akademie in Istanbul, Wiener Emigrant und Jude, bat mich vor meiner Abreise, seiner Schwester in Wien ein Päckchen mit Kaffee und Schokolade zu bringen.

"Er hätte schon lange nichts von ihr gehört und wäre sehr froh, durch mich Nachricht über sie zu erhalten."

Vorsichtig habe ich Schwager und Schwester befragt, ob sie es für tragbar hielten, wenn ich abends, bei der Verdunkelung, einmal dahin ginge. Sie fanden das ganz richtig. Sobald es finster war, ging ich also zur nahe gelegenen Wohnung. In dem stockdunklen Stiegenhaus fand ich mit Mühe die Wohnungstür. Die Klingel war abgestellt. Ich klopfte vorsichtig. Lange öffnete niemand.

Endlich, nach mehrmaligem Klopfen, hörte ich leise, schlurfende Schritte. Ein sehr alter Mann öffnete zaghaft. In der Wohnung waren nur er und zwei alte Frauen. Sie hatten geglaubt, die Gestapo hätte geklopft und wäre gekommen, sie zu holen.

Die Schwester meines Kollegen war bereits mit Mann und Kindern in den zweiten Bezirk, in das Sammellager für Juden, zum Abtransport gebracht worden.

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Mauthausen Komitee Österreich
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