Bettina Lohmeyer "Ich wusste, ich finde nirgendwo anders diese Intensität"

Bettina Lohmeyer ist 47 Jahre alt. Ihre große Leidenschaft ist die Schauspielerei. Trotz ihrer 1,58 Meter, hat die Darstellerin eine einnehmende Präsenz. Mit ihren braun-grünen Augen zieht sie ihr Gegenüber in den Bann.

Erfahrungen weitergeben

Im "Theaterhaus Berlin Mitte", Produktionszentrum für freies Theater, begleitet Bettina Lohmeyer immer wieder Proben und Rollenarbeiten junger Nachwuchskünstler. Das Coaching ist für die erfahrene Diplomschauspielerin zu einem zweiten Standbein geworden. Auch Susan Batson aus New York, eine der weltweit renommiertesten Schauspiel-Coaches, war mehrfach zu Gast im Theaterhaus und gibt hier Workshops. Bettina Lohmeyer und Susan Batson kennen sich bereits seit über 20 Jahren.

Freies Theater mitten in Berlin

Benutzte Kaffeetassen klirren in der silbernen Edelstahlspüle. Eine Obstschale mit Bananen, Äpfeln und Birnen ziert den kurzen Holztresen. Heißer Kaffee läuft aus der Maschine. Im Theatercafé haben es sich drei mitte 20-Jährige gemütlich gemacht. Auf dem gegenüberliegenden Sofa, in der anderen Ecke des Raumes, sitzt Bettina Lohmeyer. Sie hat sich leicht nach vorne gebeugt und nimmt einen Schluck aus ihrer Flasche "Club Mate Granatapfel". Unter ihrem beigen Blazer trägt die dunkelblonde Schauspielerin ein schwarzes, enges T-Shirt. Zu ihrer dunklen Jeans trägt sie schwarze Lederstiefeletten mit Absatz. Ihre roten Lippen verziehen sich zu einem Lächeln.

Die Künstlerin kommt von einer Coachingstunde mit einer jungen Kollegin. Das Theaterhaus in Berlin Mitte bietet Schauspielern, Tänzern und Musikern die Möglichkeit, für kleines Geld Räume zu mieten, in denen sie ungestört proben können.

Im Theaterhaus verbringt Bettina Lohmeyer viel Zeit. Unterschiedlichste Rollenvorbereitungen für Theater, Film und Fernsehen haben hier ihren Ursprung genommen. Im Möbellager stapeln sich Stühle, Tische, Hocker, Schränke, Bänke und Tafeln bis unter die Decke. Mit ihrer Flasche Club Mate in der Hand erzählt die Wahlberlinerin ihre Geschichte...

Von der Theater-AG auf die Bühnen in New York

Das Leben als Person in der Öffentlichkeit

Die zwei Seiten der Medaille

Bettina Lohmeyer hat ihre Schauspielausbildung an der Universität der Künste in Berlin absolviert. Seit 1995 geht sie ihrer Leidenschaft der Schauspielerei nach - neun Jahre später kam das Schauspielcoaching hinzu. 2013 war ein ganz besonderes Jahr, denn seitdem steht sie mit einem Bette Davis Soloabend in New York auf der Bühne - jettet zwischen "Big Apple" und der deutschen Hauptstadt hin und her. Im selben Jahr drehte sie auch ihre erste Rolle in den USA: "Greta" in der Produktion "Pastor Paul". Zuvor war sie sechs Jahre am Maxim Gorki Theater in Berlin engagiert. Auch weitere renommierte Bühnen, wie die am Schauspielhaus Hannover, Staatstheater in Mainz und am Schauspielhaus Graz, konnte Bettina Lohmeyer viele Jahre mit ihrer Präsenz ausfüllen. Neben den Theaterrollen wirkte sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen, wie beispielsweise "Der Baader Meinhof Komplex" oder "SOKO Leipzig", mit. In "Hinter Gittern - Der Frauenknast" spielte sie 2005/06 erstmalig eine Serienhauptrolle. Während dieser Zeit kam es öfter vor, dass Fernsehzuschauer sie auf der Straße wiedererkannt haben. Das war für sie eine völlig neue Erfahrung: "Ich musste dann erst lernen, damit umzugehen. Aber das gehört natürlich auch dazu. Zum Beispiel, dass Fremde einem im Supermarkt einfach auf die Schulter schlagen und sagen: 'Super, gestern, super Szene', und man steht mit seiner Paprika in der Hand da und das fühlt sich sehr komisch an", erinnert sich die Schauspielerin lachend. Aber es gab auch charmante Begegnungen:

"Ich bin im Juni 2006 mit dem Zug in Spandau am Bahnhof angekommen. Die Automaten für die U-Bahn-Tickets funktionierten alle nicht und es war auch kein Schalter offen. Ich wollte aber nicht schwarz fahren. Die U-Bahn stand schon bereit. Die Fahrerin biss gerade so beherzt in ihr Pausenbrötchen, ich hatte den zehn Euroschein schon in der Hand und kam plötzlich auf die Idee, bei ihr zu bezahlen. Sie guckt hoch und sagt: 'Annabelle Liffers! Sie steigen ein - Sie fahren hier vorne bei mir mit - umsonst.‘ Dann saß ich neben ihr in der Fahrerkabine. 'Jetzt kann ich Sie ja mal ein paar Sachen fragen‘, meinte sie und gab Vollgas. Die Fahrt war großartig – absolut kurios!“

Wenn man eine Person ist, die in der Öffentlichkeit steht, gibt es eben auch die Kehrseite der Medaille. Der erste Ansturm nach ihrem Serienauftakt in "Hinter Gittern" hat die 47-Jährige damals überfordert.

"Ich war nicht darauf vorbereitet. Ich stand noch im Telefonbuch. Plötzlich hatte ich auf meinem Anrufbeantworter alle möglichen Nachrichten von fremden Menschen. Leute haben sich ins Haus geklingelt. Ich musste das Namensschild entfernen lassen, habe meine Nachbarn instruiert, dass sie sagen, ich sei weggezogen. Mich hat das überfordert."

Diesen Eingriff in die Privatsphäre erklärt sie sich so:

"Wenn man jeden Montag bei denen im Wohnzimmer über den Screen flimmert, denken sie, man ist Teil der Family.“
„Umgekehrt kenne ich dieses Gefühl natürlich auch - vor 2 Jahren war ich in New York: Ich war auf dem Weg zur Probe und nehme wie immer den U-Bahn-Ausgang an der 43. Straße, Ecke 8. Avenue – da landet man direkt vor dem Times Square Arts Center. Ich komme die Treppe hoch und schaue oben angekommen direkt in ein vertrautes Gesicht, verkneife mir aber den ersten Impuls, überschwenglich grüßen zu wollen und gehe stattdessen ins Gebäude - an der Security vorbei in den Fahrstuhl, immer noch etwas verwirrt. Die Fahrstuhltüren schließen sich und eine ältere Dame, die mit mir eingestiegen ist, platzt aufgeregt raus: 'O my God!!! Did you see him?! Did you see the famous actor in front of the building?!' Und da wusste ich: Er war es tatsächlich – Liam Neeson.“

"Ziel ist, das Leben des Menschen zu leben"

Wenn sich Bettina Lohmeyer auf eine Rolle vorbereitet, heißt es erstmal: Recherche. Das Entscheidende ist, dass man die Person kennenlernt. Egal ob es sich um ein Drehbuch oder ein Theaterstück handelt: Es folgt immer die Figurenanalyse. Wenn sie in einer Szene Trauer, Schmerz, Wut oder Angst empfinden muss, dann sucht sie nach einer Situation aus ihrem eigenen Leben, die sie diese Gefühle wieder durchleben lässt. "Das Ziel ist es, so wahrhaftig wie möglich zu sein und mehr das Leben des Menschen zu leben, als dass man eine Idee davon spielt", erklärt die erfahrene Schauspielerin. Neben der Beschäftigung mit der Psychologie eines Charakters, bedarf es manchmal auch noch anderer Arbeitsschritte. Für eine Rolle hat sie deshalb Ballettunterricht genommen, für eine andere für einige Wochen im Kloster gewohnt. Manchmal ist auch Improvisation gefragt: "Ich war als On-Set-Coach bei einer Telenovela beim Außendreh, und ich sah schon, dass der Regisseur und der Assistent ganz hektisch telefonierten. Eine Schauspielerin, die für einen Zwei-Tages-Dreh bestellt war, war nicht gekommen. Kurz vor Drehbeginn kam der Regisseur zu mir und sagte: "Bettina, hier sind die Zettel. Halbe Stunde Text lernen. Kostüm und Maske." Manchmal hat die Schauspielerin Monate Zeit, um sich auf eine Rolle vorzubereiten und manchmal eben nur 30 Minuten. "Dabei hat mir mein Training in den USA geholfen: 'Always be ready'", erinnert sie sich. Struktur gibt es im Leben einer Schauspielerin nicht wirklich, wenn man nicht fest angestellt ist. Jede Woche sieht anders aus. Ein festes Wochenende gibt es ebenso wenig wie finanzielle Sicherheit. Bettina Lohmeyer hat sich deshalb mehrere Standbeine aufgebaut und das Glück, neben der Schauspielerei als Schauspiel-Coach international gefragt zu sein. Sie leitet Workshops, arbeitet als Dozentin und übernimmt Lehraufträge an Hochschulen und Universitäten. Jedes Jahr hat einen anderen Verlauf. Trotz – oder auch wegen - dieser Unbeständigkeit, könnte sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen: "Ich finde nirgendwo anders so eine hohe Intensität," schwärmt sie und erklärt: "Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten.“

Die Rolle ihres Lebens

Bette Davis

Susan Batson, Schauspiel-Coach und amerikanische Produzentin und Regisseurin, lud Bettina Lohmeyer ein, nach New York zu kommen, um einen Solo-Abend über das Leben von Bette Davis zu entwickeln. Ein Grund dafür war die Ähnlichkeit, die die Schauspielerin mit Bette Davis verbindet. Für das Theaterstück hat die Wahlberlinerin ihre Heimat verlassen und ist für einige Monate nach New York gezogen. Sie musste intensivst an ihrem Akzent arbeiten. Die Vorbereitung auf das Stück, das sie auch selbst geschrieben hat, erwies sich als sehr aufwändig: "Das ist ein Hollywoodstar, über den es viel Material gibt. Ich habe so viele Filme in den USA angesehen, wie ich konnte. Sie hat ja 101 Filme gedreht." Die Ikone hatte ein aufreibendes Leben: "Ihr privates Leben war genauso dramatisch, wie die Rollen, die sie gespielt hat", erklärt das Double. Premiere war im Oktober 2013, vier Vorstellungsserien hat sie bislang schon in New York gespielt.

Bette Davis ist weiterhin ihre Lieblingsrolle.

Bettina Lohmeyer als Bette Davis

Fotograf: Christopher St George

Welchem Charakter sie als nächstes Leben einhauchen wird, weiß sie noch nicht...

Die Darstellerin greift mit ihren Fingern nach dem Deckel und dreht ihre Flasche "Club Mate" zu. Sie dreht sich zur Seite und greift nach ihrer braunen Ledertasche, die neben ihr auf dem Sofa des Theatercafés steht. Ihre Tasche hängt sie sich über die Schulter. Mit der rechten Hand greift sie die Glasflasche auf dem kleinen Holztisch, richtet sich auf und geht zum Tresen. Das Bette Davis-Double verabschiedet sich vom Cafépersonal, stellt ihre Flasche ab, dreht sich um und verschwindet hinter einem Stoffvorhang in Richtung Ausgang.

Created By
Mailin Kube Julia Süring
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