WALKER'S HAUTE ROUTE Zu Fuß vom Chamonix nach Zermatt in 15 Tagen

Die legendäre Haute Route vom französischen Chamonix ins schweizerische Zermatt ist die wohl bekannteste Ski- und Splitboardtour der Alpen. Es geht aber auch anders, denn für die Haute Route gibt es eine lohnenswerte jahreszeitliche Alternative mit einem ganz besonderen Charme: die ca. zweiwöchige Walker’s Haute Route als Sommer-Trekkingvariante. Ein Reisebericht von Björn Köcher und Tim Faulwetter für St. Bergweh, den Hamburger Berg Sport & Urban Shit Blog (st-bergweh.de).

Wer sich dieses kleine Abenteuer gönnt, wird belohnt mit einem garantiert unvergesslichen Bergerlebnis. Schließlich startet die Tour nicht nur am Fuße des Mt. Blanc und endet unterhalb des Matterhorns, sondern erlaubt unterwegs den Blick auf einige beeindruckende 4.000er. Das muss man sich – wie so vieles im Leben – allerdings auch verdienen: Mehr als 180 Kilometer sind zu bewältigen. Dazu elf Pässe. Über 12.000 Höhenmeter geht’s hoch. Und fast ebenso viele Höhenmeter runter. Geschlafen wird in urigen Berghütten und winzigen Bergdörfern.

Chamonix – Argentière

Tag 1

Chamonix – Argentière

Eigentlich müsste die Überschrift der ersten Etappe lauten: Hamburg über Genf und Chamonix nach Argentière. Aber zum einen beginnt erst in Chamonix die Walker’s Haute Route und damit auch der Teil, an dem nicht Flugzeugturbinen und der Antrieb der Schweizer Bahn fürs Weiterkommen verantwortlich sind, sondern die eigenen Beine und das Bergweh. Zum anderen startet nur ein Bruchteil der Wanderer auf der Walker’s Haute Route ihre Reise in der schönsten Stadt der Welt.

Dafür zeigt der Start in Hamburg, dass die erste Etappe keine wirkliche Herausforderung darstellt, sondern eher zum Einlaufen gedacht und in zwei bis zweieinhalb Stunden abgehakt ist. Nach der Ankunft am Bahnhof in Chamonix (1.037m) am frühen Nachmittag geht es ca. neun Kilometer ohne nennenswerte Steigung (200hm) parallel zur Straße und zum ruhigen Flusslauf des L’Arve gemütlich nach Argentière (1.251m).

Argentière – Refuge Les Grands

Tag 2

Argentière – Refuge Les Grands

Schon am zweiten Tag entscheiden wir uns nach einer entspannten Nacht im Hotel Randonneurs für eine kleine Alternative und weichen von der eigentlichen Route ab. Während die meisten Wanderer über den Col de Balme (2.204m) nach Trient (1.279m) aufbrechen, um am nächsten Tag die erste ernstzunehmende Passüberquerung, die Fenêtre d’ Arpette (2.665m), in Richtung Champex (1.466m) anzugehen, wählen wir als nächstes Übernachtungsziel die kleine Selbstversorgerhütte Refuge Les Grands (2.113m), die man erreicht, wenn man auf dem Col de Balme „rechts“ abbiegt.

Im Nachhinein eine hervorragende Entscheidung. Denn nach dem ca. fünfstündigen Aufstieg (ca. 1.000hm) warten ein atemberaubender Blick auf den Glacier du Trient und einen Teil des Glacier des Grands sowie ein wortkarger, aber nicht minder sympathischer Hüttenwirt auf uns. Die erste Hütte auf Schweizer Boden bietet 15 Matrazenlagerschlafplätze direkt unter dem Hüttendach, nur zeitweise elektrisches Licht und einen gemütlichen Aufenthaltsraum. Hier tickt die Uhr deutlich langsamer. Persönliche Probleme bekommen eine andere Gewichtung. Ein angenehmes Gefühl der Leichtigkeit stellt sich ein. Wir sind angekommen. Auf der Walker’s Haute Route. Und im Urlaubs-Abenteuer-Modus.

Refuge Les Grands – Champex

Tag 3

Refuge Les Grands – Champex

Es regnet. Es hat die ganze Nacht geregnet und es soll noch fast den ganzen Tag regnen. Aber das interessiert uns nicht. Wir sind jetzt auf einer alpinen Bergtour, nicht mehr im Großstadtalltag mit Bahn-, Taxi- oder Regenschirmalternative. Vom Vortag haben wir noch den Pass vor Augen, über den wir heute müssen. Jetzt liegt der Fenêtre d’ Arpette (2.665m) im grauen Wolkendunst. Zuerst müssen wir aber erst einmal gute 550 Höhenmeter nach unten ins Tal. Neben einer gutgelaunten Reisegruppe treffen wir auf einen alten Bekannten, der uns schon am zweiten Tag mit seinem von einem Augenzwinkern begleitetem „How are you?“ und seinem wildledernem braunen Rangerhut aufgefallen war. Robert. Ein ca. 50-jähriger Australier hat Sorge, den Pass bei diesem Wetter alleine anzugehen und fragt, ob er sich uns anschließen kann. Ab jetzt sind wir zu Dritt. Dass sich das bis nach Zermatt nicht mehr ändern sollte, wissen wir jetzt noch nicht. Was wir aber von vorherigen Reiseabenteuern wissen, ist, dass Zufälle und das Unplanbare das Salz in einer (Reise-)Suppe sind.

Nach knapp 1.100 Höhenmetern Aufstieg im Regen und Schneeregen erreichen wir den Fenêtre d’ Arpette in einem ca. 45-minütigen Sonnenloch. Genug Zeit, um die Sachen etwas zu trocknen und uns mit Käse, Salami sowie dem am Vorabend übrig gebliebenen Baguette für den Abstieg nach Champex (1.466m) zu stärken (1.200hm).

Champex – Le Châble

Tag 4

Champex – Le Châble

Champex (1.466m) ist auch ein beliebter Zwischenstopp auf der berühmten – und damit hoch frequentierten – Tour de Mt. Blanc. Das merkt man auf den Trails und auch in der Pension En Plein Air, deren ca. 60 Schlafplätze nahezu ausgebucht sind. Robert ist in einem anderen Zimmer untergebracht. Wir sollten erst später erfahren, warum das vielleicht ein Grund für unseren guten Schlaf gewesen sein könnte.

Wir lassen es ruhiger angehen, denn der Weg durch das Val d’Entremont ins Haupttal nach Sembrancher (717m) und bis zum heutigen Tagesziel Le Châble (821m) verläuft überwiegend bergab (750hm). Er führt über waldige Fuhrwege und Pfade sowie über weitläufige grüne Wiesen. Trotzdem schaffen wir es, uns hier das erste und einzige Mal auf der ganzen Tour zu verlaufen. So werden aus vier doch noch fünf Stunden Gehzeit bis zu unserem nächsten Tourstopp im wirklich empfehlenswerten Hotel La Poste unterhalb vom bekannten Schweizer Nobel-Skiort Verbier.

Le Châble – Cabane du Mont Fort

Tag 5

Le Châble – Cabane du Mont Fort

Der uns weckende Regen ist die Erlösung aus einer unruhigen Nacht im eigentlich herrlich bequemen Vierbettzimmer des Hotel La Poste. Robert schnarcht. Und wie. Als wäre Schnarchen ein australischer Volkssport und er ehemaliger Profi-Ein-Und-Ausatmer. Egal. So ist das nun einmal auf einer Hüttentour. Dafür ist der Regen nicht so heftig wie angekündigt. Ich kann Tim zum Laufen überreden, während Robert, der sowieso knietechnisch leicht angeschlagen ist, lieber mit der Gondel nach Verbier und fast bis zur Cabane du Mont Fort (2.457m) auffährt.

Auf dem Papier klingt das auch durchaus vernünftig, denn unser Guidebook weist uns auf 1.636 zu bewältigende Höhenmeter hin. Der leichte Regen wird deshalb sogar zur Wohltat. Die einzige heftige Regendusche des Tages erschüttet sich über den Waldwegen (die im Übrigen ab und an von interessanten Mountainbike-Downhill-Trails gekreuzt werden), während wir in Clambin (1.730m) in einem netten Bergrestaurant Mittagspause machen. Der Lohn für die Anstrengungen des Tages ist die Ruhe auf der Cabane du Mont Fort und der Ausblick auf das schneeweiße Grand Combin Massiv.

Cabane du Mont Fort – Cabane de Prafleuri

Tag 6

Cabane du Mont Fort – Cabane de Prafleuri

Das Wetter bessert sich langsam und das Grand Combin Massiv ist am Morgen in schönes warmes Licht getaucht. Die Hütte ist überraschenderweise fast leer. Wir lernen ein offensichtlich gut situiertes Pärchen aus Baden-Württemberg kennen, denen wir noch das eine oder andere Mal begegnen sollten. Nette Leute. Wirklich. Allerdings eben auch mit dem (Vorsicht: Klischee!) schwäbischen Spar-Gen ausgestattet. Zwei Kilo Müsli inkl. Müslischale tragen sie zusätzlich zu ihrer Ausrüstung auf dem Rücken, um das „überteuerte“ und gleichzeitig karge Hüttenfrühstück einzusparen. „Ganz logisch“, sagen sie. „Nicht euer Ernst“, denken wir.

Die heutige Tour von der Cabane du Mont Fort (2.457m) zur Cabane de Prafleuri (2.624m) wird anstrengender als der Höhenunterschied der beiden Hütten vermuten lässt. Wir müssen über drei Pässe: den Col de Termin (2.648m), den Col de Louvie (2.921m) und den Col de Prafleuri (2.965m). Ein Auf (885hm) und Ab (740hm), das uns vom Sentier des Chamoins – auf dem wir tatsächlich einige Steinböcke und Gämsen sehen – entlang verschiedener Gletscher ins karge Geröllfeld rund um die Cabane de Plafleuri führt.

Die Hütte wird ziemlich straff geführt, was gemeinsam mit der nicht sonderlich schönen Lage dazu führt, dass sie unserer Meinung nach das ungemütlichste Ambiente aller Hütten bietet. Allerdings kann man am Abend Steinböcke und Gämsen quasi aus dem Hüttenfenster beobachten.

Cabane de Plafleuri – Cabane des Dix

Tag 7

Cabane de Plafleuri – Cabane des Dix

Der Tag beginnt direkt mit dem knapp 45-minütigen Aufstieg zum Col des Roux (2.804m). Hier eröffnet sich nicht nur ein unglaublich genialer Blick auf den Lac des Dix (2.364m) und die umliegenden schneebedeckten Bergketten, sondern wir entdecken wenige Gehminuten unterhalb des Passes zwei traumhafte Selbstversorgerhütten: das Refuge des Ecoulaies (2.575m) und das Refuge de la Gentiane la Barma (2.458m). Hätten wir an unsere gestrige Tour einfach noch eine Stunde drangehängt und etwas Käse, Salami und Baguette mitgenommen, dann hätten wir hier sicher ein tolleres Berghüttenerlebnis gehabt, als auf der Cabane de Plafleuri. Ist aber nicht mehr zu ändern.

Passend zu dieser Erkenntnis fängt es an zu schneien. Begleitet von Rindviechern – und damit meine ich explizit nicht die Mountainbiker, die es wie auch immer in dieses entlegene Tal geschafft haben – wandern wir entlang des typisch milchigen Gletschersees. Am Ende des Lac des Dix weichen wir erneut von der eigentlichen Routenbeschreibung ab, die uns über den Col de Riedmatten (2.919m) zum nächsten Etappenziel führen will, dem – wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte – wirklich wunderschönen Bergsteigerdorf Arolla (2.006m).

Unser heutiges Tagesziel ist aber erst einmal die Cabane des Dix (2.928m) direkt unter- oder (je nach Perspektive) oberhalb des majestätischen Mt. Blanc de Cheilon (3.870m) und des gleichnamigen Gletschers. Diese Entscheidung werden wir im Gegensatz zum Vortag garantiert nicht bereuen.

Cabane des Dix – La Sage

Tag 8

Cabane des Dix – La Sage

Die Cabane des Dix wird zu unserer Lieblingshütte (abgesehen von den Selbstversorgerhütten). Sie liegt wie ein Adlerhorst auf einem Fels oberhalb des Glacier de Cheilon und ist Ausgangspunkt und Zwischenstopp für verschiedenste alpine Abenteuer. Diese sehr traditionelle Bergsteigermentalität spürt man. Trotzdem umweht die Hütte ein moderner Spirit. Denn die Hütte wird von mehreren Jugendlichen aus der Region betrieben. Im Radio laufen die Red Hot Chilli Pepers. Vor der Hütte gibt es eine Slackline, eine Hängematte und eine Außendusche mit Bergblick.

Der Abschied sehr früh am Morgen fällt schwer. Die nötige Konzentration bei der Überquerung des Gletschers und an den luftigen – zum Glück mittlerweile erneuerten – Leitern des Pas de Chèvres (2.855m) lässt die Wehmut aber schnell in Vergessenheit geraten.

Nach dem Pass geht es erst einmal nur noch bergab (1.400hm): zunächst etwas steiler bis ins hübsche Arolla (2.006m) – Übernachtungstipp: das Kurhaus vor dem wir im Übrigen auch unser schwäbisches Pärchen händchenhaltend beim Vormittagsspaziergang wiedertreffen – und dann etwas entspannter durch das Val d’Arolla bis nach Les Haudères (1.452m) mit seinen von Wetter und Zeit gezeichneten Walliser Häusern. Übernachten wollen wir aber im Café-Restaurant L’Ecureuil in La Sage (1.667m), wir müssen also noch einmal ein knappes Stündchen bergan.

La Sage – Cabane de Moiry

Tag 9

La Sage – Cabane de Moiry

An das Schnarchen von Robert haben wir uns mittlerweile gewöhnt – auch dank gut funktionierender Ohrstöpsel und eines müden Körpers. An die alpine Szenerie und ihre scheinbar perfekte Komposition aus Bergzügen, Gipfeln und Tälern werden wir das wohl nie. Man will einfach nur verweilen. Selbst das Café-Restaurant L’Ecureuil lässt uns mit seinem Blick zurück ins Val d’ Arolla und damit auf die Erlebnisse des gestrigen Tages den Aufbruch in Richtung Cabane de Moiry (2.825m) schwerfallen.

Schwerfallen werden uns auch die heute anstehenden 1.617 Höhenmeter im Aufstieg, die durch die zwischenzeitlichen 459 Höhenmeter bergab nicht leichter werden, wie alle bergerfahrenen Wanderer wissen.

Auf dem Weg zum Col du Tsaté (2.868m) passieren wir die kleine Rinderfarm Remointse du Tsaté (2.480m) mit ihrem sympathischen und gastfreundlichen Landwirt. Etwas versteckt rechts vom eigentlichen Weg befindet sich ein kleiner Teich, der sich bei Windstille und gutem Wetter hervorragend eignet, um Reflektionen der umliegenden Bergketten im Wasser zu fotografieren.

Einmal den Pass erreicht, liegen die größten Anstrengungen hinter einem. Von hier aus führt der Weg nach unten zum Fuße des Glacier de Moiry (2.409m) und dem Parkplatz für Tagesgäste, um dann noch einmal auf einem etwas anspruchsvolleren Weg 400 Höhenmeter anzusteigen. Auf dem Pfad links vom Gletscher merkt man aber schon, dass sich die Strapazen lohnen werden.

Cabane de Moiry – Zinal

Tag 10

Cabane de Moiry – Zinal

Die Cabane de Moiry (2.825m) ist eine architektonisch gelungene Kombination aus traditioneller hochalpiner Berghütte und modernem Holzanbau mit großer Glasfront. Sie liegt gefühlt einen Steinwurf vom Gletscherrand entfernt. Hier möchte man einfach nur sitzen und in der untergehenden Sonne den Gletscher beobachten. Das sollte man auch tun und den Moment genießen.

Für uns geht es heute zurück in die Zivilisation, in den touristischen Skiort Zinal (1.675m). Dazu müssen wir ein Stück des gestrigen Weges zurücklaufen, bleiben aber auf der Talseite der Cabane der Moiry und nutzen eine Traverse oberhalb des Lac de Moiry in Richtung Col des Sorebois (2.847m). Den Abzweig sollte man auch nicht verpassen, denn sonst hat man am Ende ein paar Höhenmeter mehr auf der Uhr und einen weniger attraktiven Blick auf den blaugrauen Gletschersee.

Mit dem Pass kommt auch die Ernüchterung: Plötzlich steht man im Skigebiet von Zinal, das durch diverse Liftanlagen und -gebäude sowie erodierte Hänge geprägt ist. Lediglich der Blick auf den markanten Gipfel des 4.505 Meter hohen Weißhorns entschädigt ein wenig für die vorangegangenen Mühen. Und für diejenigen mit Knieproblemen bietet die Gondel einen entspannten „Abstieg“ nach Zinal. Wir entscheiden uns jedoch für die 1.200 Höhenmeter zu Fuß und kehren zufrieden im Hotel Le Trift ein.

Zinal – Gruben

Tag 11

Zinal – Gruben

Die 1.200 Höhenmeter des gestrigen Nachmittags vom Col de Sorebois (2.847m) runter nach Zinal (1.675m) geht es heute Vormittag wieder nach oben, aber dieses Mal zum Forcletta Pass (2.874m). Wem das komisch, unlogisch oder sinnlos vorkommt, der sollte spätestens jetzt aufhören, weiterzulesen. Noch einmal: Wir sind auf der Walker’s Haute Route. Im Urlaubs-Abenteuer-Modus. Der Weg ist hier das Ziel.

Alternativ könnte man noch eine Übernachtung im legendären Hotel Weißhorn (2.337m und Achtung: teuer!) oder der angeblich sehr schönen Cabane Bella Tolla (2.346m) dazwischen schieben und dann über den Meidpass (2.790m) ins benachbarte Turtmanntal hiken. Wir entscheiden uns aber aus Zeitgründen für den direkten Weg nach Gruben (1.822m), einem kleinen Bergdorf im Turtmanntal, dem ersten deutschsprachigen Tal der Walker’s Haute Route von Chamonix nach Zermatt.

Wir übernachten im Matratzenlager des Hotel Schwarzhorn. Hier treffen wir zum letzten Mal die schwäbischen Müslischalen und ihre zwei sympathischen Besitzer. Allerdings haben sie sich gegen die Fortführung der Wanderung und für den Postbus sowie ein paar Tage im Wellnesshotel entschieden.

Gruben – St. Niklaus

Tag 12

Gruben – St. Niklaus

Der Morgen beginnt nach einem vorzüglichen Frühstücksbuffet wieder ähnlich wie die Tage zuvor. Zunächst müssen etwas mehr als 1.000 Höhenmeter in Richtung Augstbordpass (2.894m) überwunden werden. Das ist in gut drei Stunden geschafft. Auf dem Pass besteht die Möglichkeit eines ca. einstündigen Abstechers auf das Schwarzhorn (3.201m).

Während sich Robert und Tim fürs Weitergehen entscheiden, will ich den Gipfel mitnehmen. Schließlich soll man von da oben einen grandiosen Blick von den Berner Alpen bis zum Monte Rosa Massiv haben. Gesagt, getan: Den Rucksack lasse ich auf dem Pass. Der Weg ist nicht leicht zu finden, aber mit etwas Geschick machbar. Belohnt wird mein Einsatz allerdings nicht, denn der Gipfel liegt in den Wolken.

Ich eile meinen zwei Begleitern hinterher und treffe unterwegs auf drei Bergziegen, die mich ein Stück begleiten. Tim wartet oberhalb des grandios gelegenen Pilgerorts Jungen (1.955m) an einem sonnigen Platz mit herrlichem Blick über das Mattertal auf mich, um gemeinsam Mittagspause zu machen. Die Bergziegen finden die Idee leider auch gut und nerven tierisch. Dann beginnt es zu regnen. Robert hat bereits die abenteuerliche Mini-Gondel von Jungen runter nach St. Niklaus (1.127m) genommen. Tim will das auch. Ich will laufen und eile die letzten 800 Höhenmeter alleine hinab, um die Beiden unten nicht so lange warten zu lassen. Unterwegs wundere ich mich, dass mich die Gondel nicht überholt. Die Erklärung liefert Tim eine gute Stunde später: Sie wurde wegen Windes gesperrt und er musste trotz Knieschmerzen auch laufen.

St. Niklaus – Gasenried

Tag 13

St. Niklaus – Gasenried

Wer mag, kann heute die finale Etappe durch das Mattertal nach Zermatt antreten. Wir mögen nicht. Uns soll der Europaweg nach Zermatt bringen und das Grand Finale unserer Reise werden. Deshalb wartet heute ein entspannter Tag auf uns, denn wir müssen lediglich zwei Gehstunden für 532 Höhenmeter einplanen, um unser heutiges Tagesziel Gasenried (1.659m) zu erreichen. Also bleiben wir möglichst lange im Bett, frühstücken spät und machen noch einen Vormittagsspaziergang durch St. Niklaus, bevor wir aufbrechen.

In Gasenried mieten wir uns im Hotel Alpenrösli ein, das definitiv schon mal bessere Tage gesehen und irgendwas von „The Shining“ hat. Das Matrazenlager befindet sich im Souterrain und war wohl ehemals der Partyraum des fast leeren Hotels. Der Hotelchef ist gleichzeitig Rezeptionist, Koch, Gärtner, Barkeeper, Hausmeister und keine Ahnung was noch alles. Was wir hier erleben, ist pure Situationskomik und lässt sich einfach nicht beschreiben. Wer so was mag, ist hier genau richtig. Alle anderen sollten sich überlegen, ob sie sich von St. Nikolaus nicht direkt auf den Weg zur Europahütte machen wollen.

Gasenried – Europahütte

Tag 14

Gasenried – Europahütte

Mit dem Aufschlagen der Augen stellt sich sogleich ein entspanntes Gefühl ein. Wir leben noch. Im Sachen packen sind wir mittlerweile geübt, auch wenn wir nie an die Zeit von Robert herankommen. Nach dem Frühstück geht es los: 1.131 Höhenmeter hoch und 570 runter sind heute zu bezwingen.

Der Europaweg soll uns in zwei Tagesetappen zu unserem Ziel Zermatt bringen. Dieser Umstand ist irgendwie bedrückend. Die Walker’s Haute Route soll noch nicht aufhören. Wir sind doch noch im Urlaubs-Abenteuer-Modus. Wir haben ein wenig Respekt vor der heutigen Strecke, schließlich warnt der Guide vor schwierigen Passagen und hoher Steinschlaggefahr.

Das erste Teilstück ist entspannt und endet auf einem Hochplateu, dem Mittelberg, das an japanische Gärten erinnert und mit einer Statue des Heiligen St. Bernard überrascht, dem Patron der Alpen. Ab jetzt warten zwei technisch anspruchsvolle Stunden auf uns, bei der nahezu jeder Tritt wohlüberlegt stattfinden sollte und einige stark Steinschlag gefährdete Rinnen schnell überwunden werden müssen. Das fällt bei dem Ausblick auf das Weißhorn und andere tolle Berge gar nicht so leicht.

Nach ca. sieben Gehstunden erreichen wir die kleine, aber feine Europahütte (2.220m) und genießen ein Ankunftsbier – oder zwei.

Europahütte – Zermatt

Tag 15

Europahütte – Zermatt

Finale. Die letzte Etappe liegt vor uns. Eigentlich ist die gar nicht so schlimm. Und eigentlich wunderschön. Für uns gilt das nur mit Einschränkungen. Denn eine von der Hütte bereits zu sehende Hängebrücke ist vor Jahren durch Steinschlag so schwer beschädigt worden, dass sie nicht mehr begehbar ist. Für uns heißt das, ca . 600 Höhenmeter ins Tal ab- und wieder aufsteigen, ohne nennenswert Strecke zurückzulegen. Zurück auf dem Europaweg können wir immer wieder einen Blick auf das Matterhorn erhaschen. Fantastisch. Doch so soll es nicht bleiben: Erneut ist der Weg gesperrt und wir müssen ins Haupttal, um nach Zermatt zu gelangen.

Zermatt selbst empfängt uns mit tieffliegenden Helikoptern, hässlichen Baustellen bestehend aus riesigen Kieshaufen und einem Blick in ein völlig zugebautes Talende. Bringen wir es auf den Punkt: Zermatt ist hässlich as hell. Bergsteigerromantik kommt nur in wenigen Ecken auf. Man fühlt sich, als stünde man gleichzeitig unter dem Eifelturm, in der Maximilianstraße und in einem versnobten Fitnessclub.

Egal. Wir haben die Walker’s Haute Route geschafft und genießen das mit Dosenbier auf dem Balkon mit Matterhornblick in unserem kleinen Zimmer im Hotel Alfa. Der Urlaubs-Abenteuer-Modus hält auch noch am folgenden Tag während der Zugfahrt nach Zürich und unserem Rückflug nach Hamburg an.

Robert ist übrigens noch in Zermatt geblieben und hat mit einem Guide verschiedene 4.000 Gipfel bestiegen. Diese Australier...

Ohne Worte...

Die Haute Route ist eine der wohl bekanntesten hochalpinen Skitouren und führt von Chamonix nach Zermatt. Sie dauert ca. eine Woche. Die Sommeralternative schafft man in zwei Wochen und man muss etwas mehr als 180 Kilometer abwandern, 11 Pässe bezwingen und über 12.000 Höhenmeter aufsteigen.

Empfohlener Reiseführer: Cicerone Guide „Chamonix to Zermatt – The Classic Walker’s Haute Route“ von Kev Reynolds

Hinweis: Dieser Text und sämtliche Bilder unterliegen dem Copyright und dürfen ohne Zustimmung des Autors nicht anderweitig erneut publiziert werden. Die Verlinkung zu diesem Reisebericht ist selbstverständlich erlaubt.

Autor: Björn Köcher (St. Bergweh)

Bilder: Tim Faulwetter & Björn Köcher

Du interessierst Dich für weitere Abenteuer dieser Art? Dann nutze doch gerne die unten genannten Wege, um Dich mit St. Bergweh zu verbinden. Meinungen und Anregungen sind immer willkommen. Als kleinen Vorgeschmack und als Belohnung fürs bis zum Ende lesen zum Abschluss noch ein Video von meinem achttägigen Solo-Hike auf dem legendären John Muir Trail in den kalifornischen Bergen. Viel Spaß und dreht gerne die Musik laut!

Created By
ST. BERGWEH
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Credits:

Tim Faulwetter / Björn Köcher (st-bergweh.de)

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