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Kontraste in Lernräumen

Hintergrund

Wenn ich Referendar*innen frage, warum sie trotz geplanter Unterrichtsgespräche die Schüler*innen in Reihen gestaffelt ("Bus") sitzen lassen, wird häufig darauf verwiesen, dass die Sitzordnung in diesem Raum so vorgegeben sei, die anleitende Lehrkraft dies so erwarte oder dass der Aufwand für das Umräumen zu hoch sei.

Um mehr Sensibilität für die Bedeutung von Lernräumen zu schaffen, verweise ich gern auf entsprechende Artikel wie den von Jan Vedder, in dem gefordert wird, den "Lehrraum zum Lernraum" umzugestalten:

Oder ich lade mir Experten wie Basti Hirsch ein, um ein ganzes Seminar zur Bedeutsamkeit von Lernräumen zu gestalten - Material gibt es ja genug zu dem Thema, wie dieses Padlet zeigt:

Nach einem Besuch in der Montessori-Oberschule Potsdam habe ich nun eine weitere Variante getestet: Wie möchten die Referendar*innen eigentlich selbst lernen? Üblicherweise findet sich bei uns im Studienseminar Potsdam je nach Raumgröße entweder ein "Konferenztisch" oder eine Kombination aus Stuhlkreis und Gruppentischen. Aber das lässt sich ja ändern:

Überraschung

Die Referendar*innen hatten eigentlich mit einer Montessori-Lernumgebung gerechnet und Decken mitgebracht. Die "Planänderung" stieß auf wenig Widerstand.

wie früher

Nicht nur die Lehrkraft fand sich schnell in ihre Rolle ein - auch einige Referendar*innen nutzten die Gelegenheit zur Regression in die Konsum- und Abschalt-Haltung professioneller Schüler*innen.

Erfahrungen I

Dass sich alle Referendar*innen der im Seminar ungewohnten "Sitzordnung" unterwarfen, hatte ich erwartet - für die meisten von ihnen sieht so schulischer Alltag aus.

Überrascht war ich, was das Lehrerpult mit mir machte: Das Hierarchiegefälle wurde deutlich spürbar. Ich fand mich sofort in der Rolle desjenigen wieder, der Dinge ansagt, Vorgaben gibt, Autorität auszustrahlen hat. Spontan bat ich darum, die Begrüßung im Stehen durchzuführen - was wunderbar funktioniert hat.

Ohne, dass dies ausgesprochen wurde, war allen Beteiligten bewusst, dass es sich hier um eine Spielsituation handelt. Die Wirkung hat dies jedoch nicht beeinträchtigt.

Nachdem ich die "wichtigen Dinge" angesagt hatte, erzählte ich kurz von dem Hospitationstag in der Montessori-Oberschule und veranschaulichte meine Eindrücke mit dieser Präsentation:

Als nächstes haben wir alle gemeinsam eine neue Lernumgebung geschaffen, um dann wie geplant an den anstehenden Themen zu arbeiten:

auch überraschend

Die vorhandenen Stühle wurden kaum mehr genutzt. Eine Referendarin wies darauf hin, dass sie zu Hause ohnehin immer auf dem Boden arbeite. Eine andere erklärte, dass ihr in weiten Teilen handlungsorientiert durchgeführter Deutschunterricht ohnehin im "Bus" nicht zu machen sei.

Mehr Raum

Die Beobachtung einer Referendarin war, dass die Zusammenarbeit besser funktioniert hat, da nicht der ganze Raum mit Tischen vollgestellt war und sich so Kontakt zu anderen Gruppen leichter herstellen ließ.

Die Adaption einer Idee

führt oft zu Verbesserungen. Die Kollegin Kathrin Kanski probierte die Idee gleich aus und gestaltete eine sehr ansprechende Lernumgebung mit ihren Referendar*innen.

Das Ziel

einer anliegenorientierten und individualisierten Arbeit im Ausbildungscoaching wurde durch die offenen Lernumgebungen unterstützt.

Erfahrungen II

Tatsächlich wünschen sich die Referendar*innen weiterhin variable Lernumgebungen mit der Möglichkeit, auch auf dem Boden zu arbeiten. Optional sollen Stühle zur Verfügung stehen. Ob und inwieweit das "Experiment" aber tatsächlich Auswirkungen auf zukünftige Seminargestaltungen hat, bleibt abzuwarten.

Bemerkenswert war die Rückmeldung einer Referendarin, die sich erinnerte, als Schülerin mit ihrer Klasse den "Bus" vehement eingefordert zu haben: Klarheit in der Raumstruktur und in der Rollenverteilung sowie ein Bedürfnis nach Effizienz scheinen Hintergründe gewesen zu sein. Somit bot das Experiment einen guten Anlass, sich vor dem Hintergrund der eigenen Lernbiografie systemisch mit Fragen nach zeitgemäßem Lernen auseinanderzusetzen.

Sehr deutlich wurde zurückgemeldet, dass die Kontrasterfahrung überraschend eindrucksvoll war. Die Notwendigkeit einer bewusst gestalteten Lernumgebung mit vielfältigen Affordanzen scheint bei vielen der beteiligten Referendar*innen Erfahrungswissen geworden zu sein.

Created By
Jan Marenbach
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Credits:

Fotos von Jan Marenbach und Kathrin Kanski