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Das Wetziker Weingut in der Toskana Ein Stück Heimat in der Ferne

Die Toskana ist nicht bloss Ferienort, sie ist Sehnsuchtsziel. Ein fassbarer Mythos, mit ihren Hügeln und Hügelchen, ihren Pinien und Säulenzypressen, ihren Olivenbäumen und Weinreben. Die sanft zerfurchte Landschaft ist für viele der Inbegriff der Italianità; hier fliesst Wein, hier wird gelebt – Seit der Zeit der alten Römer.

Hier, zwischen dem Ort Poggibonsi und dem Örtchen San Gimignano, ein wenig näher bei Florenz als bei Pisa, liegt nun das Weingut Vedi Torre von Christoph Rehli, Dirigent und Weinproduzent aus Wetzikon. Vom Bahnhof Poggibonsi geht es mit dem Auto zum Anwesen. Gewundene Strässchen, vorbei an Reben und reifenden Weintrauben, ziehen sich durch den Hügel, immer hin zum Vedi-Torre-Gut. Dieses thront nicht alleine, sondern teilt sich seinen Höhenzug mit Nachbarn vom selben Schlag.

In erdigen Tönen überblickt das Anwesen die Täler in Richtung San Gimignano und versprüht italienische Rustikalität. Seinen Anfang hat der Bau irgendwann im Mittelalter, er steht an einem alten Pilgerweg und gehörte einst zum fast tausendjährigen Franziskanerkloster in der Nähe. In den 1970er-Jahren haben Rehlis Eltern das Weingut übernommen und ihm nach zwei Dekaden Vernachlässigung neues Leben eingehaucht.

Der Weg zu den Weinstöcken ist von Olivenbäumen gesäumt. Gut 120 davon gibt es auf dem Gut.

Im November werden die Oliven geerntet und daraus Olivenöl hergestellt. Gerade genug für den Eigengebrauch.

«Das ist meine zweite Heimat», sagt Rehli. Mit 13 Jahren kam er das erste Mal hier her, als «Offenbarung» habe er diesen Fleck Toskana erlebt. «Ich habe mich in der Adoleszenz in den Ort verliebt und in diesen Jahren liebt man intensiv.» Abgeschwächt hat sich die jugendliche Liebe nie wieder, sie hat sich zur «never ending love story» entwickelt.

Die Aussicht über die Toskana ist atemberaubend.

Das heiss-trockene Wetter der vergangenen Monate hat die Erde auch hier spröde werden lassen. Als ich ankomme, braust zwar gerade ein Wind auf, der ein zaghaftes Versprechen auf einen Sturm sein könnte. Er bringt sogar einige Regentropfen mit sich. Es sind allerdings zu wenige, um die Erde zu tränken, und doch gerade genug, um die laufenden Arbeiten an den Weinstöcken zu unterbrechen. Für heute wird auf Vedi Torre die Arbeit ruhen.

2005 riss Rehli den bestehenden Rebberg vollständig ab und pflanzte neue Stöcke.

Seither wachsen zwei Ur-italienische Traubensorten auf dem kleinen Weingut: Die Sorte Sangiovese und die Sorte Canaiolo rosso, die bereits den alten Etrusktern bekannt war.

Während dem Reifeprozess werden regelmässig Trauben weggeschnitten, um den verbleibenden genug Platz zum Wachsen zu lassen.

Momentan werden bei den Rebstöcken die überschüssigen Weintrauben rausgeschnitten. Das ist wichtig, um den übrigen genügend Platz und Nährstoffe zum Gedeihen zu verschaffen. «Wir haben einen tollen Behang diese Saison», sagt Rehli, «aber für die Qualität, die wir anstreben, hängen noch zu viele Trauben.» Deshalb wird bei jedem der 5500 Weinstöcke wöchentlich aufs Neue der Überschuss entfernt. In der letzten Saison war das fast die Hälfte der Trauben. Maximal 6000 Flaschen Wein will der Gutsbesitzer pro Ernte füllen. «Lassen wir an jedem Stock vier bis fünf Rappen, reicht das bereits», so Rehli.

Das Vedi-Torre-Gut gehört mit 1.25 Hektaren zu den kleinen seiner Art. «Bei dieser Grösse ist es unmöglich, Massenware zu produzieren», sagt Rehli. Deswegen gibt’s aus jeder Saison nur einige tausend Flaschen, die sollen aber überzeugen. Darum scharte Rehli ein Team aus einem lokalen Weinbauern, einem Agronomen und einem Önologen, einem Fachmann der Weinherstellung, um sich. Auf deren Rat hin hat er Mitte der Nullerjahre den Rebberg komplett neu bepflanzt. Seither wachsen zwei ur-italienische Sorten – Sangiovese und Canaiolo rosso – auf dem tuffstein-, lehm- und sandhaltigen Boden.

Versteckte Wege ziehen sich durch das Vedi-Torre-Gut.

Über dieses kleine Treppchen, das wieder durch den Olivenhain führt, erreicht man den alten Weinkeller.

Der versteckt sich unscheinbar hinter allerlei Gerät.

«Ich wollte einen typisch toskanischen Wein machen», sagt Rehli. Keinen weissen allerdings, wie er sonst in der Gegen um San Gimignano traditionell angebaut wird. «Es gibt hier so viele gute Weissweine», sagt der Gutsbesitzer. «Die überbieten zu wollen, macht keinen Sinn.»

Die Trauben vom Vedi-Torre-Hügel reifen zu zwei Rotweinen: Dem Sonora und dem Eco, der weiblichen Stimme und dem männlichen Echo. Tatsächlich sei der weibliche Sonora bei Frauen, der männliche Eco bei Männern beliebter. Ein unbeabsichtigter Zufall, aber einer, der zu Schmunzeln gegeben habe. «Meine Weine schmecken nach dem Terrain, auf dem die Trauben gewachsen sind, darauf bin ich wirklich stolz», sagt Rehli.

Den Keller entdeckte Rehli erst, als er einen Pool bauen wollte und dazu den Untergrund untersuchen musste.

Seither lagert dort sein Eco in hölzernen Fässern.

Hinter diesem Gestrüpp versteckt sich ein weiterer Weinkeller. Der müsste allerdings erst noch hergerichtet werden, da die Bausubstanz nicht mehr so gut ist, wie beim ersten.

Gute Weine, die müssten die Trauben repräsentieren, aus denen sie gemacht sind. Die Herkunft sollte man schmecken, «rund» müssten sie sein und doch Charakter haben. «Ein Widerspruch, ich weiss», sagt Rehli verschmitzt lächelnd. Für ihn bedeutet das vor allem, dass neben Handarbeit bei Anbau und Ernte der Önologe nichts mehr am Traubensaft «manipulieren» muss, nachdem dieser in die Edelstahltanks und die Holzfässer abgefüllt ist. In Ruhe sollen der Sonora in den Tanks und der Eco in den Fässern drei Jahre reifen können.

Rehlis Eltern haben noch in solchen Tanks hergestellt. Heutzutage werden dafür moderne Edelstahltanks verwendet.

Das Anwesen wurde zum Jahrtausendbeginn sanft renoviert.

Teile des Anwesens datieren zurück bis ins Mittelalter.

Weil während der Lagerung nichts verändert wird, schmeckt jeder Wein «jahrgangstypisch», sprich: anders als der vorangegangene. Für den Dirigenten Rehli, der auch regelmässig bei italienischen Opern den Takt angibt, zeigen sich dennoch jahrgangsübergreifende Gemeinsamkeiten: «Im Sonora sehe ich Puccinis Tosca. Die Oper ist eine unglaubliche Frauengeschichte, etwas sehr Schönes. Sie ist fliessend, nicht zu schwer und hat trotzdem Tiefgang.» Der Eco hingegen gehe in Richtung Verdi, «einen Falstaff, vielleicht. Die Dramatik des männlichen Lebens, schwer und erdgebunden.» Die Verbindung von klassischer Musik und Wein – Rehli geht sie leicht von der Hand: «Beides sind Leidenschaften.»

Was Rehli am besten gefällt ist die Aussicht: «Die finde ich ganz verruckt.»

Der Ort habe für ihn etwas «mystisches».

Rehli selbst mag seinen Eco übrigens auch etwas lieber als den Sonora. Ganz gemäss der Erfahrung, dass Männer dem «männliche Echo» mehr zusprechen als der «weiblichen Stimme».

Gewissheit hat Rehli im September, wenn der nächste Jahrgang reif ist. Dann rollt eine mobile Abfüllstation auf das pittoreske Anwesen in den toskanischen Hügeln und füllt wieder ein Stück italienischen Mythos in Weinflaschen.

Christoph Rehli ist Dirigent und Weinproduzent.

Christoph Rehli ist im Linthal im Kanton Glarus geboren. An der Musikhochschule Zürich liess er sich zum Dirigenten ausbilden, die Welt der klassischen Musik kannte er von Haus aus: Sein Grossvater mütterlicherseits war Opernsänger. Als seine Eltern 1970 ein altes verlassenes Weingut in der Toskana kauften, war für ihn klar, dass er dieses irgendwann übernehmen würde. 1999 war es schliesslich soweit und Rehli verband die Welt des Weines – die er von seinem Grossvater väterlicherseits kannte, der Winzer war – mit jener der Musik. Im Jahr 2000 renovierte er das Gebäude auf dem Anwesen sanft, 2005 bepflanzte er den Rebberg neu. Seither ist das Vedi-Torre-Weingut an einer Wetziker Geschäftsadresse registriert. Christoph Rehli lebt zurzeit mit seiner Familie am Thunersee.

Mehr Informationen zu Gut und Besitzer gibt's unter www.veditorre-wein.ch

Erhältlich ist der Wein unter www.cavegevin.ch

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