„Die nächste Krise wird uns hart treffen“ Von Michael Ertel

Der derzeitige Erfolg der deutschen Wirtschaft basiert auf dem Export, zweifelsohne beflügelt er die Konjunktur. Professor Dr. Philipp Harms, Leiter des Lehrstuhls für International Economics an der Universität Mainz, stimmt in den Jubelchor nicht ein. Der gefragte Referent und Volkswirtschaftler warnt vor Gefahren: Die deutsche Industrie mache ihre globalen Geschäfte großteils in Branchen, die in sehr starker Abhängigkeit von der Weltkonjunktur stehen.

Sehr geehrter Herr Harms, die Wirtschaft und deren Verbände und Lobbyisten sind hocherfreut: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) berichtet begeistert von einer Steigerung der Exporte im ersten Halbjahr 2017 um 4,7 Prozent (im Vergleich zum ersten Halbjahr des Vorjahres), bundesweit liegt der Exportüberschuss nach derzeit vorliegenden Zahlen bei 8,7 Prozent des BIP. Die deutsche Wirtschaft rennt von einem Exportrekord zum nächsten. Plakativ gefragt: Ist das volkswirtschaftlich gesehen gut oder schlecht?

Philipp Harms: Ein Exportüberschuss ist per se weder gut noch schlecht. Natürlich lässt sich darin die hohe Nachfrage der ausländischen Handelspartner nach den Erzeugnissen der deutschen Exporteure ablesen. Aber der Überschuss dokumentiert auch die geringe Bereitschaft Deutschlands, zu importieren, und damit die hohe Sparneigung der deutschen Haushalte, Unternehmen, und öffentlichen Haushalte. Dass diese Ersparnisse nicht im Inland investiert sondern eher im Ausland angelegt werden, kann auch Ausdruck fundamentaler Probleme sein.

Nicht nur der BDI-Präsident Dieter Kempf vertritt aus deutscher Sicht die Meinung, der Exportüberschuss zeige eben die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft. Der IWF und die EU-Kommission bemängeln hingegen wirtschaftliche und politische Verzerrungen für die gesamte Eurozone. Wo liegt die Wahrheit?

Philipp Harms: Ich teile weder den Stolz der deutschen Exportwirtschaft, noch sehe ich die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse als Zeichen offensichtlichen wirtschaftspolitischen Fehlverhaltens. Die Leistungsbilanz, die neben den Exportüberschüssen auch noch Kapitaleinkünfte und internationale Transfers beinhaltet, spiegelt die Spar- und Investitionsentscheidungen der Wirtschaftssubjekte wider. Diese sind von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, von denen einige durchaus problematisch sein können, beispielsweise die Einkommensverteilung, Fehlentwicklungen im Finanzsystem oder die geringe Investitionsbereitschaft. Man sollte sich aber eher mit diesen Problemen beschäftigen, als an der Leistungsbilanz herumzudoktern.

Für eine ausgeglichene deutsche Leistungsbilanz gäbe es dennoch zwei Möglichkeiten: Exporte zurückfahren oder höhere Investitionen. Was favorisieren Sie?

Philipp Harms: Natürlich höhere Investitionen, solange diese – insbesondere im öffentlichen Bereich – gut begründet und geplant sind. Es ist aber in niemandes Interesse, wenn Unternehmen und Staat Geld in sinnlosen Projekten versenken, nur um die Investitionsquote zu steigern.

Wäre es denkbar, dass die EU im Rahmen ihres „Markoökonomischen Überwachungsverfahrens“ der deutschen Wirtschaft maximale Ausfuhrquoten auferlegt? Könnte dies in der Praxis des täglichen, wirtschaftlichen Agierens auf globalisierten Märkten überhaupt umgesetzt werden?

Philipp Harms: Eine solche Maßnahme wäre ein monströser Eingriff, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendjemand ernsthaft in Erwägung zieht.

Philipp Harms

Was ist dran an der Behauptung, dass die Stärke der deutschen Wirtschaft auch eine große Importnachfrage erzeuge und somit für 4,8 Millionen Jobs in anderen EU-Staaten sorge?

Philipp Harms: Ohne dass ich meine Hand für diese Zahl ins Feuer legen würde: Es ist sicher wahr, dass sich der wirtschaftliche Boom in Deutschland über die höhere Importnachfrage auch positiv auf unsere Handelspartner auswirkt. Es wäre aber töricht, die Stärke der deutschen Wirtschaft allein an dem Umfang ihrer Exporte abzulesen.

Ist die Exportorientierung der deutschen Industrie (vor allem im Maschinenbau, der Automobilproduktion sowie vielen weiteren Bereichen in der Metall- und Elektroindustrie) auf Dauer gesehen nicht eine gefährliche Einbahnstraße?

Philipp Harms: Riskant ist nicht so sehr die Integration in den Weltmarkt, sondern die prominente Rolle der Investitionsgüterindustrie und der Branchen, die dauerhafte Konsumgüter, beispielsweise Automobile, herstellen. Wie wir wissen – und zuletzt in der Finanzkrise gesehen haben –, sind diese Branchen bei konjunkturellen Einbrüchen besonders stark betroffen: Die Menschen hören in einer Rezession nicht auf, Brötchen zu essen, aber sie verschieben vielleicht den Kauf eines neuen Autos, und die Unternehmen stoppen Investitionsprojekte. Die Struktur, die der deutschen Industrie die rasche Erholung von der Krise von 2008/2009 beschert hat, birgt auch die Gefahr, dass sie von der nächsten Krise hart getroffen wird.

Created By
Michael Ertel
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Credits:

tashatuvango

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