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Vom Berater zum Daten-Ingenieur Von Michael Ertel

Euphorischer Aufbruch in eine neue, utopische Ära? Oder Dystopie mit Unbehagen? Die Positionen über Chancen und Risiken der Digitalisierung liegen in gesellschaftlicher Breite weit auseinander. Tatsache ist: Bereits jetzt bleibt kein Lebens- oder Wirtschaftsbereich von den digitalen Umwälzung ausgespart – auch bei jenen, die sonst in ihrer ureigensten Rolle den Unternehmen in wichtigen Fragen mit Rat und Orientierung zur Seite stehen: die Berater. Die Consulting-Branche spürt den Wandel ebenso und sieht sich durch die digitale Transformation mit neuen Anforderungen konfrontiert. Das verlangt den Beratern neue Kompetenzen ab – und aus der kooperativen Zusammenarbeit mit den Kunden werden Kollaborationen.

Ute Coenen ist eine erfahrene Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bei Rödl & Partner in Hof. In der Hofer Niederlassung der internationalen Beratungsgesellschaft spürt sie, wie sich durch die Digitalisierung „die Arbeitswelt komplett verändert“. „Wir werden zusehends zu Dateningenieuren“, sagt sie, und nimmt dabei Bezug auf die Strukturen und Prozesse in den Kundenunternehmen. Ihr Credo: Sich die IT als Werkzeug zunutze machen, um zum einen effizienter arbeiten zu können, zum anderen für die Mandanten, insbesondere im Bereich der Analyse und Risikobeurteilung, einen Mehrwert zu generieren, der früher ohne IT-Einsatz nicht möglich gewesen wäre.

Für Coenen’s Branche ist das Feld der Digitalisierung nicht komplettes Neuland. Seit Ende der neunziger Jahre setzt man Prüfungssoftware ein, die die frühere analoge Arbeit digital abbildet und es letztendlich ermöglicht, umfassende Prüfungsberichte zu erstellen. „Nach vielen Verfeinerungen hatten wir schließlich den Status erreicht, über ein Dokumentations- und Archivierungssystem mit vielen Automatismen zu verfügen.“ Doch die heute eingesetzten Tools können bei weitem noch mehr: Zunehmend geht es um ein tiefgehende, digitale Analyse der Mandantendaten und somit um eine solide, in die Zukunft gerichtete Abschätzung der Chancen und Risiken.

Wirtschaftsprüfung profitiert von digitalen Analysen

Ute Coenen: „Vereinfacht gesagt: Wir als Wirtschaftsprüfer sind gefordert, eine Aussage darüber zu machen, ob das Unternehmen fortbestehen wird. Das heißt: Wir stellen den Jahresabschluss unter eine Fortführungsprognose.“ Für diese Analysen brauche man einen umfassenden Einblick in die Prozesse und Workflows der Unternehmen. „Wir können eine Vollprüfung auf einer sehr breiten Datenbasis machen, um einen sehr genauen Aussagewert zu erzielen.“

Nicht zu unterschätzen ist dabei sowohl der technische als auch personelle Aufwand, die Schnittstellen und Anknüpfungspunkte zu den digitalen Systemen der Mandanten zu schaffen. Darüber hinaus steigen die Datenvolumina. „Unsere Kunden haben immer größere Datenmengen. Zum einen ist dies Folge ihres Wachstums, zum andere entstehen diese durch ihre digitalisierten und automatisierten Prozesse und Strukturen.“ Dennoch: Sind diese mit den IT-Tools von Rödl & Partner verknüpft, zeigen sich laut Coenen alle Potenziale der Digitalisierung.

Arbeite man derzeit noch mit den gespiegelten Daten der Unternehmen, gehe die Entwicklung in Richtung „Continuous Auditing“. Das heißt: Es laufen kontinuierliche Monitoringsysteme, mit denen fortlaufend und in Echtzeit die Daten der Mandanten ausgewertet werden können. „So können wir eine permanente Aussage über den Zustand des Unternehmens treffen.“

Wissensmanagement mobil und digital

Einen tiefen Einblick in die Prozesse der Unternehmen braucht auch die auf Personalthemen spezialisierte Firma Prealize. Geschäftsführerin Cornelia Jeschek hat für das Wissensmanagement in den Unternehmen ihr Portfolio um eine Leistung erweitert, welche die Möglichkeiten der Digitalisierung mit der dringenden Reaktion auf den steigenden Fachkräftemangel verbindet. „Machen wir uns nichts vor“, sagt sie, „die Bewerber stehen heute bei den Firmen nicht mehr vor Tür.“ Deshalb sei es immens wichtig, die jetzigen guten und erfahrenen Fachkräfte zu binden und deren Know-how hochzuhalten. „Und das lässt sich digitalisieren.“

Die Hofer Beratungsfirma bietet ihren Kunden eine digitale, individuell programmierbare Plattform an, die sowohl als mobile App-Lösung als auch in das Intranet der Unternehmen eingebundene Software laufen kann. „Damit versetzen wir die Unternehmen in die Lage, praxisnahes Wissen schnell und einfach direkt an die Arbeitsplätze zu transferieren.“ Oft fehle den Mitarbeitern wichtiges Wissen, um ihre Aufgaben erfolgreich zu erledigen, was wiederum zu Überforderungs- und damit Drucksituationen führe. „Die Theorie lässt sich über Fachliteratur und Internet erfahren, doch das praktische Know-how, dass man für seine Arbeit benötigt, ist meist nicht verfügbar“, ist sich Cornelia Jeschek sicher.

Doch der Content der Datenbanken füllt sich natürlich nicht von selbst. Die Hofer Personalberatung muss in den Unternehmen tief in die Arbeitsprozesse und Workflows blicken, um in enger Kollaboration mit den Fachabteilungen Tätigkeits- und Durchführungsbeschreibungen zu formulieren und online zu stellen. Zudem können die Inhalte interner Schulungen und Seminare veröffentlicht werden. Möglich ist dies durch Texte, Audioaufnahmen oder Videos. „Ganz gleich in welchem Format: Wichtig ist, dass das Wissen die Mitarbeiter zielgerichtet in ihrem Arbeitsumfeld erreicht und sie mobil darauf zugreifen können“, betont Jeschek. „Das haben wir mit dieser digitalen Lösung erreicht.“

Berater bündeln ihre Kompetenzen

Mit den Herausforderungen, vor denen ihre Branche durch die Digitalisierung steht, setzt sich auch das Netzwerk „Beraterkompetenz Oberfranken“ auseinander. Es sei mittlerweile sehr spürbar, „dass wir uns neben der klassischen Beratungsdienstleistung zunehmend mit digitalen Werkzeugen beschäftigen müssen“, sagt Claus Ehrhardt, zweiter Vorstand des eingetragenen Vereins. Netzwerkmitglied und Software-Entwickler Lothar Schmidt bemerkt durch die digitale Entwicklung eine starke Diversifizierung der Anfragen. „Die Unternehmen wissen in vielen Fällen schon sehr konkret, welche Prozesse sie verändern und was sie beispielsweise in ihre ERP-Systeme integrieren wollen.“

So steigt der Grad der Individualisierung in den Unternehmen – und die Berater müssen darauf reagieren. „Ob die Themen digitale Markterschließung, digitale Geschäftsprozesse oder IT-Sicherheit: Der Beratungsdialog mit unsere Kunden wird immer intensiver, um die spezifischen Lösungen zu erarbeiten“, betont Thomas Schusser. Deshalb sei es von großem Vorteil, auf das im Netzwerk vorhandene Know-how zugreifen und „sich gegenseitig die Bälle zuspielen zu können“. Dies sei genau die Intention des Vereins, ergänzt Claus Ehrhardt: „Wir bündeln die Kompetenzen in Oberfranken, um dann gerade auch in Fragen der Digitalisierung zielgerichtet und individuell Antworten zu bieten.“

Cornelia Jeschek, Claus Erhardt und Ute Coenen

Mittelstand 4.0: digital und innovativ

Das Netzwerk „Beraterkompetenz Oberfranken e.V.“ und die Akademie für Neue Medien, Kulmbach, laden am 20. Februar zum dritten Teil der Veranstaltungsreihe „Mittelstand 4.0: digital und innovativ – der Kunde im Mittelpunkt“ in die „Kommunbräu“ nach Kulmbach ein. Das ganztägige Programm bietet fünf Referate und Praxisberichte sowie eine Podiumsdiskussion rund um die Themen des digitalen Wandels und der sich verändernden Kundenbeziehungen.

Gerade für mittelständische Betriebe sei es schwierig, die steigende Komplexität der Veränderungen in den Griff zu bekommen, so eine Pressemitteilung des oberfränkischen Netzwerks. „Dabei ist die Fähigkeit, Veränderungen aufzugreifen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, heute eine Kernvoraussetzung für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen“, betont zweiter Vorstand Claus Ehrhardt.

Mit Vorträgen von Experten aus der Wirtschaft, der Unternehmenskommunikation und den Medien möchte man praxisnahe Wege aufzeigen, wie Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern und sich Vorteile auf dem Markt arbeiten. Die Podiumsdiskussion zum Thema „Technik first – Kunde second?“ wird von Matthias Will, Ressortleiter Wirtschaft der Frankenpost, geleitet.

Anmeldungen sind unter www.berater-oberfranken.de/anmeldung möglich.

Created By
Michael Ertel
Appreciate

Credits:

yurolaitsalbert / Adobe Stock

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