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IRENE FASTNER Ausblick und Rückschau

Es ist ein Kreuz mit der Malerei

Jedes der Bilder von Irene Fastner beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Tomatenmann und auch das Mystery Girl waren da. Der Hund mit den hellblauen Schuhen spazierte wirklich neben seinem exaltierten Frauchen durchs Münchner Westend. Die Verkäuferin des ledernen Sitzmöbels in Form eines Nashorns ist ebensowenig eine Erfindung wie die Kubanerin mit der dicken Zigarre zwischen den rotgeschminkten Lippen. Sie und noch viele andere führen ein gemütliches Leben im Reich des Unbewussten und der vagen Erinnerungen – bis sie sich eines Tages entschließen, in einem der Bilder von Irene Fastner aufzutauchen. Niemand wundert sich darüber so sehr wie die Künstlerin selbst.

Irene Fastner, 1963 in Zwiesel geboren, ist eine virtuose Malerin. Sie studierte ab 1988 an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Helmut Sturm, dessen Meisterschülerin sie auch war. Ihre künstlerische Praxis basiert auf einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Malerei und ihren Techniken wie auch auf einer profunden Kenntnis der Kunstgeschichte und den Strömungen des 20. Jahrhunderts. Es wäre deshalb völlig verfehlt, das freundlich großäugige Personal ihrer Bilder als „naiv“ zu interpretieren.

Nicht nur die starken Farben, sondern auch die Steigerung des Ausdrucks mittels Überzeichnung und gleichzeitiger Vereinfachung der Form verbindet Irene Fastner mit dem Expressionismus der Künstlergruppe „Die Brücke“. Eine direkte Linie zu Gabriele Münter gibt es bei der Hinterglasmalerei, die ebenfalls von der Volkskunst angeregt wurde. Collagierte Bildelemente als Mittel zur Realitätsbefragung verweisen auf Picasso und Braque. Die Lust an der Farbe, der ebenso großzügige wie feinfühlige Gestus und die komplexe Struktur der Malerei lassen natürlich auch an Helmut Sturm denken. Ein wundersam-hintersinniger Humor aber ist das Alleinstellungsmerkmal von Irene Fastner.

Ihre Kindheit verbrachte Irene Fastner auf dem Land in Niederbayern. Der Vater sammelte Volkskunst, Bauernschränke, Madonnen und Heiligenbilder. Der gekreuzigte Herrgott, der von Pfeilen durchbohrte Sebastian und die geräderte Katharina suchten sie in nächtlichen Alpträumen heim. Erst als Jugendliche schaffte sie es endlich, die Märtyrer aus ihrem Zimmer zu verbannen, um für den Bravo-Starschnitt Platz zu machen. Aber welche Überraschung, als die Heiligen viele Jahre später – längst studierte sie in München – energisch Einlass in ihre Bildwelten begehrten.

Die Künstlerin nahm die Herausforderung an: Sie griff zwar die in der Volkskunst tradierte Technik der Hinterglasmalerei auf, ließ jedoch ihr eigenes Bildpersonal auftreten. Sie ergänzte Aureolen durch Punkfrisuren. Sie tröstete die gequälten Seelen mit einer Bikinischönheit vor Goldgrund und gab ihnen Dollarscheine oder archaische Masken wie Heiligenattribute in die Hand. Der Gegenzauber scheint bestens gewirkt zu haben, denn mittlerweile lassen sich nur noch höchst selten finstere Schreckgestalten in den Bildern von Irene Fastner blicken. Und schaut doch einmal Gevatter Tod um die Ecke, dann stellt ihm die Malerin schnell eine schöne junge Frau zur Seite, die ihm beim „Deifedanz“ den Kopf verdreht.

Es sind zunächst Stimmungen oder einfach nur Farbklänge, die Irene Fastner als Anlass für ein Bild dienen. Zu Beginn geht es um das rein Malerische, tiefgründig und subtil die Ölfarben auf der Leinwand und leuchtend in starken Kontrasten die Acrylfarben auf Holz. Während des Arbeitsprozesses aber entwickelt sich ein spannendes Wechselspiel aus dem gestalterischen Impuls und dem, „was aus dem Unterbewusstsein kommt“, wie die Künstlerin sagt. Alltagsbeobachtungen, Reiseeindrücke und Erinnerungsschnipsel drängen schließlich als Figuren ins Bild. Erstaunlich sei dabei immer wieder, dass völlig Unvorhergesehenes passiert. Bilder können ihre Richtung ändern, sich drehen und einen neuen Weg einschlagen: „Es ist hilfreich, möglichst wenig zu denken“, findet Irene Fastner. Wichtig sei jedoch die Musik, die das Malen begleitet. Die Künstlerin stellt, mittlerweile in einer Mischung aus digitalen und analogen Verfahren, immer noch die guten alten „Mixed Tapes“ zusammen. Und so kann es etwa passieren, dass unversehens ein Eichhörnchen durchs Bild springt und mit einem kleinen Glöckchen läutet, während im Atelier die Kassette mit „Hells Bells“ läuft.

Die Menschen in den Bildern von Irene Fastner haben runde Mondgesichter, dünne Hälse und schmächtige Körper. Zwar erinnern ihre Strichfrisuren, ihre Nasen, Münder und Ohren, vor allem aber ihre großen Klimperaugen an Kinderzeichnungen, sie sind jedoch pointierte Psychogramme. Meist sind es Frauen, die in einem bezaubernden Kosmos der Merkwürdigkeiten höchst unterschiedliche Herausforderungen zu meistern haben. Mal wundern sie sich, wie der nackte Kerl in ihre Dusche kommt, mal kämpfen sie mit einem Baseballschläger, mit einem Gartenschlauch oder auch mit einem Kochlöffel in der Hand gegen die Unbill des Lebens. Sie sind tapfer und fürsorglich. Und sie mögen Tiere. Sie haben eine Katze auf dem Schoß, führen einen Hund an der Leine, tanzen mit einem Fuchs oder wiegen ein rosarotes Schweinchen wie ein Kind auf dem Arm. Sie sind Heldinnen des Alltags und freundliche Heilige, die nicht angebetet, sondern angelacht werden wollen.

Katja Sebald

Die Ausstellung ist von 13. November bis 18. Dezember zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

galerie 13 - fritz dettenhofer

Created By
Paulo Mulatinho
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