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Der elektrische Altar Förderzeitraum: 2011/2012

Die ev.-luth. Bethlehemkirche in Hannover-Linden

Zur Restaurierung eines neuromanischen Kirchenraumes und seines Altares

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Einwohner und damit auch der evangelischen Gemeindeglieder in der Industriestadt Linden bei Hannover explosionsartig an. Ebenso wie die nach einem Entwurf von Conrad Wilhelm Hase 1882 vollendete Erlöserkirche (früher Zionskirche) in Linden-Süd wurde ab 1903 die Bethlehemkirche für eine Tochtergründung der alten St.-Martinsgemeinde gebaut. In unmittelbarer Nähe von damals etlichen Industrieschornsteinen setzte der Schüler und Nachfolger Hases, Karl Mohrmann (1857—1927), mit den bis zur Höhe von 71m aufragenden drei Turmhelmen einen weit sichtbaren Akzent im expandierenden Stadtteil Linden-Nord.

Mohrmann, Hochschullehrer, bedeutender Architekt und Konsistorial-Baumeister in Hannover, der neben einer Reihe anderer Kirchen unter anderem auch die Gustav-Adolf-Stabkirche in Hahnenklee bei Goslar errichtet hat, gestaltete die Bethlehemkirche als neuromanische Emporenbasilika. Sie konnte 1906 eingeweiht werden. Gleichzeitig wurden der elektrisch beleuchtete monumentale Radleuchter im Kirchenschiff und der ebenfalls elektrische „Stern von Bethlehem“ auf der mittleren Turmspitze in Betrieb genommen.

Zur Gesamtinstandsetzung der Kirche

Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg nur verhältnismäßig gering beschädigt, wobei der Verlust des Großteils der Verglasung angesichts der ansonsten fast vollständig erhaltenen Innenausstattung schwer wiegt. Dennoch hat sie in Hannover einen selten hohen Authentizitätsgrad und darüber hinaus einen besonderen Stellenwert als Beispiel wilhelminisch geprägten lutherischen Kirchenbaus in der Nachfolge der überaus einflussreichen Hannoverschen Schule Conrad Wilhelm Hases. Sie ist daher auch als ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung anerkannt worden.

Entworfen von Mohrmann, ist der Altar von Lindener Handwerkern gefertigt worden.

2009—2012 konnte die ursprüngliche Raumschale der Bethlehemkirche einschließlich ihrer farbigen Ausmalung wiederhergestellt werden. Die umfangreiche Maßnahme wurde mit Mitteln des Bundes, des Ev.-luth. Stadtkirchenverbandes Hannover, des Landes Niedersachsen und der Kirchengemeinde gefördert. Mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel konnten neben Innenausmalung auch die Sanierung des Außenmauerwerks zur langfristigen Vermeidung von Witterungsschäden sowie die notwendige Installation einer komplett neuen Beleuchtungsanlage realisiert werden.

Zur Geschichte des Altarretabels

Wie die anderen Ausstattungsstücke hat Mohrmann auch den Altar eigenhändig entworfen. Die Finanzierung wurde als Stiftung angeboten, die in diesem Fall von Ernst August, Herzog von Cumberland und Sohn des letzten Königs von Hannover, übernommen wurde. Gefertigt wurde er von Lindener Handwerkern: dem Tischler Paland, dem Bildhauer Ostermann, der Bauklempnerei Gebrüder Söhlmann und dem Vergolder Freudenthal. Er ist nach dem Vorbild des um 1200 entstandenen Altares aus dem ostjütländischen Sahl gefertigt, der zu den so genannten Güldenen Altären Dänemarks gehört und den Mohrmann in sein Vorlagenwerk „Germanische Frühkunst“ (1905—07) mit aufgenommen hat. Das Original ist mit feuervergoldeten Kupferplatten ummantelt, verziert mit Bergkristallen und getriebenen Reliefs.

Bevor die Denkmalpflege als Wissenschaft etabliert werden konnte, kam es immer wieder zu verfälschenden, gar zerstörerischen Restaurierungsversuchen.

Der Altar in der Bethlehemkirche folgt diesem Vorbild: Er ist ebenfalls zum Teil mit vergoldeten Kupferblechen beschlagen. Statt der Bergkristalle wurden bunte Glassteine eingefasst, statt der getriebenen Bleche liegen vergoldete Architektur- und Figurendarstellungen aus Holz vor. Wie der monumentale Radleuchter in der Vierung der Bethlehemkirche ist auch der Altar seit der Einweihung 1906 elektrisch beleuchtet gewesen, womit beide Ausstattungsstücke innerhalb ihrer Gattung einen besonderen Stellenwert beanspruchen dürfen.

Zur Restaurierung des Altarretabels

Zwischen 1930 und 1940 fanden erste Ausbesserungsarbeiten statt, vermutlich 1962 dann eine weitere, wobei die Oberflächen unter Auslassung der Figuren vollständig mit Goldbronze überzogen wurden, die eine grünstichige und matte Oberfläche besaß. Auch die Glasschmucksteine wurden überdeckt. Durch diese unüberlegten Eingriffe in das Konzept Mohrmanns veränderte sich das Erscheinungsbild des Altares gravierend: Die ursprüngliche Lichtreflexion erschien deutlich abgeschwächt und mit fortschreitender Oxidation immer weiter verringert. Zusätzlich wurde die plastische Wirkung des Retabels durch eine partielle Vergoldung der Horizontallinien und anderer herausgehobener Bereiche in Kombination mit der Rotfassung der halbkreisförmig geschlossenen Fenster- und Kreisvertiefungen gravierend verändert.

Im Juni 2007 wurde zur Klärung des Erhaltungszustandes und der Fassungstechnik eine erste restauratorische Untersuchung durch Diplomrestauratorin Christina Achhammer vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt. Sie stellte fest, dass vor allem die figürlichen Darstellungen, insbesondere die Kreuzigungsgruppe, starke Schäden aufwiesen.

Um weitere Fassungsverluste zu vermeiden, wurden diese notgesichert und der Altar in die Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege zur sicheren Aufbewahrung gebracht. Dort führte Diplomrestaurator Thomas Kräckel-Hansum, Hildesheim von Oktober 2011 bis April 2012 die Konservierung und Restaurierung durch.

Mit der Unterstützung dieses Vorhabens leistete die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege einen Beitrag zur Erhaltung und angemessenen Wiederherstellung des kunstgeschichtlich überaus wertvollen Mittelpunktes in einem Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung, das lebendiger Ort für Andacht, Jugendarbeit sowie andere für die ev. Kirchengemeinde Linden-Nord wichtige Aktivitäten darstellt und nach einer exemplarischen Restaurierung die ihm gebührende öffentliche Aufmerksamkeit erhalten wird.

Frank Achhammer und Peter Königfeld

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