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"roh und geschmacklos" Warum die Westseite am Bonner Münster so schlicht ist

Das Bonner Münster blickt auf eine rund tausendjährige Baugeschichte zurück. Doch im Vergleich zur prächtigen Ostapsis kommt die Westseite eher trist daher: vier Fenster, eine Rosette, ein kleines Portal, zwei Türme, mehr nicht. Wie es dazu kam, erfahrt ihr hier.

Die Westfassade des Bonner Münsters ist ein schlichtes Stück Architektur.

Kein Wunder: Nie war sie für eine Ansicht von weitem konzipiert worden. Denn bis 1806 stand, keine zehn Schritte entfernt, die Gangolfkirche.

Geld für eine hübsche Westseite auszugeben die niemand sieht, das befanden die mittelalterlichen Architekten offenbar als unnötig.

So sehr, dass nach der Belagerung Bonns im 17. Jahrhundert sie sogar nur notdürftig repariert, wie dieses Bild zeigt.

Dass diese Seite des Bonner Münsters nicht hübsch war, war offenbar lange Zeit kein großes Problem.

Schließlich stand hier über Jahrhunderte hinweg Sankt Gangolf in unmittelbarer Nähe, keine 10 Schritte entfernt.

Doch mit dem Abriss von Sankt Gangolf 1806 wurde die Schlichtheit plötzlich zum offensichtlichen Makel. Durch die Neuanlage des dortigen Straßenzugs und des Bahnhofs begegneten viele Besucher plötzlich dem Münster zuerst von der unvorteilhaftesten Seite.

1869 urteilten Zeitgenossen:

„So malerisch und fesselnd die äußere Ansicht der Münsterkirche nach der Ostseite hin erscheint, so kläglich Eindruck macht ein Blick auf die Westfassade. (…)

Das ganze ist roh und geschmacklos, wie zur Nothdurft errichtet.“

Kein Wunder, dass eine würdige „Wiederherstellung“ von Liebhabern herbeigesehnt wurde und den Bonnern absolut notwendig erschien: Sie sollte eine ähnliche Wirkung erreichen wie die Ostfassaden.

Doch ein erster, prächtiger und verspielter Entwurf mit gotischer Rosette und Zwerggalerien fiel bei den Entscheidungsträgern durch. Er verstieß gegen das aufkeimende Denkmalschutzempfinden.

Man war sich zwar einig, dass ein solcher „kümmerlicher Zustand der Westfacade (…) unmöglich der ursprüngliche gewesen sein“ konnte. Dennoch ergaben die baulichen Untersuchungen keinen Hinweis auf ein historisches attraktiveres Erscheinungsbild seit der Fertigstellung im 13. Jahrhundert.

Der Kölner Architekt Franz Schmitz, der an der dortigen Dombauhütte gelernt hatte, bekam in den 1880er Jahren den Auftrag einer passenden Neugestaltung. Für ihn war klar:

„Eine gegliederte Ausstattung, wie die ürbige Facaden des Bauwerks aufweisen, hat dieser Giebel sich niemals zu erfreuen gehabt. Die würdige Herstellung desselben ist aber, soll derselbe in Harmonie zu der anderen Architektur gebracht werden, geboten.“

Im Klartext:

Zwar haben es die mittelalterlichen Baumeister höchstwahrscheinlich nicht für nötig befunden, das Westwerk hübscher zu gestalten.

Ende des 19. Jahrhunderts hielt man es dagegen nicht nur für legitim, sondern auch für notwendig, das Aussehen der Fassade nach eigenem Ermessen zu verbessern.

So beschreibt es die Konservatorin Lorena Pethig in ihrem Buch über die Sanierungsgeschichte des Bonner Münsters.

Doch klar war auch, dass man sich nicht mehr einer Phantasievorstellung hingeben konnte. Schmitz‘ erster Entwurf griff daher die Begebenheiten der Nachbarfronten auf und nutzte Gesimse, Friese, Rosetten und Strebepfeiler als Gliederung.

Entwurf F. Schmitz zur Neugestaltung der Westfassade von 1882.

Die Pläne fanden beim Kirchenvorstand Anklang. Doch die Berliner Genehmigungsstelle, der Konservator der Kunstdenkmäler, reduzierte immer wieder die Vorlagen. Schmitz war von den verbessernden Eingriffen weniger überzeugt. Die Ansicht, dass eine schlichte Fassade eine größere Wirkung erzielen würde als eine historisch ergänzte Ausführung mochte er nicht teilen.

Alternativer Entwurf von F. Schmitz von 1883 mit seitlichem Eingangsportal samt Eingangshalle

Es läge ja wohl außer Zweifel, so Schmitz, dass damals die Lage verhindert habe, jene Seite auszugestalten. Nach dem Abbruch von Sankt Gangolf sähe das ja ganz anders aus. Er war offenbar der Meinung, dass die Fassade endlich die Ausgestaltung erhalten sollte, die ihr bisher verwehrt war.

Letztlich einigte man sich auf eine Gliederung, die weitestgehend dem heutigen Bild entspricht: Ein großes Fenster mittig, ein kleineres darunter und je eines an der Seite, sowie ein neues Portal am Fuße. Auch die zwei Türme erhielten neue Gurtgesimse als Gliederung. Sie wurden von 1883 bis 1886 umgesetzt. Diese Ansicht am Bonner Münster blieb bis 1900 bestehen.

Der letzte Entwurf der Westseite, so wie sie - bis auf eine Änderungen am Portal - noch heute aussieht

Später gab es noch einen weiteren Versuch, die Westseite neu zu gestalten. So hat sich eine Zeichnung von 1926 erhalten, die eine vollständige Umstrukturierung und die Entfernung des neuen Giebels vorsah!

Ein Vorschlag von 1926 mit weitreichenden Änderungen an der Westseite

Auch dieser Vorschlag hatte keine Chance gegen die Denkmalbehörden. Zum einen fehlten die Mittel, zum anderen sei es "für den Gedanken der Denkmalpflege hier am Rhein bei einem solch wichtigen Bauwerk nicht zuträglich,derartige Veränderungen vorzunehmen.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu zwei kleineren Änderungen. Durch die Freilegung der Westkrypta 1960 wurden zwei Fenster im Sockelbereich der Fassade wieder geöffnet.

Auch die „historische“ Portalöffnung wurde durch einen einfachen Sturz ersetzt – ebenfalls eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche, mittelalterliche Form.

Denn nie hatte es hier eine Pforte gegeben.

Deshalb wurde die auffälligsten Änderungen von 1900 zumindest visuell wieder etwas zurückgenommen.

Die Westseite des Bonner Münsters, sie ist bis heute recht schlicht gehalten - und seit immerhin fast 70 Jahren unverändert.

Quelle und Literaturtipp:

Pethig, Lorena, Die Restaurierungsgeschichte der Bonner Münsterkirche, Worms 2012 (Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 79)

Fotohinweise:

Historische Fotos mit freundlicher Genehmigung des LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland

Bonner Münster / Stadtdekanat Bonn

Bonner Münster-Archiv

Text / Story: Bonner Münster / Sebastian Eckert

Credits:

Historische Fotos mit freundlicher Genehmigung des LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland , Stadtdekanat Bonn, Katholische Kirchengemeinde Bonn, Bonner Münster-Archiv.

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