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Streit um die Arbeit 4.0 Von Michael Ertel

„So möchte ich arbeiten.“ Mit diesem Slogan wirbt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) seit Frühjahr dieses Jahres in einer flächendeckenden Kampagne für mehr Arbeitszeit-Flexibilität. Großflächenplakate, Broschüren, Social-Media-Kanäle, Kampagnen-Websites, Online-Banner oder Bierfilze, versehen mit personalisierten Statements, sollen belegen: Auch die Arbeitnehmer wollen mehr Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung. Doch die vbw-Forderungen finden bei Gewerkschaftlern weniger Anklang – die Positionen könnten nicht gegensätzlicher sein. Lagebeurteilung und Zukunftsprognosen klaffen weit auseinander. Eine Gegenüberstellung.

Arbeitszeitregelung in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung

vbw: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) hält die geltenden Arbeitszeitregelungen für „nicht mehr zeitgemäß“. „Die Arbeitszeitregeln passen für heute nicht, und erst recht nicht für morgen“, meint Thomas Kaeser, Vorsitzender der Bezirksgruppe Oberfranken. Sie stammten aus den siebziger und achtziger Jahren und seien „starr, unverständlich und können von Arbeitgebern und Arbeitnehmern kaum befolgt werden“.

Die Digitalisierung und Globalisierung verändere unserer Arbeitswelt maßgeblich, so Kaeser weiter. Durch neue Produktionsabläufe und das Arbeiten über Länder- und Zeitgrenzen hinweg entstünden neue Formen der Arbeit, „für die Mitarbeiter, für die Unternehmen und über alle Branchen hinweg“. „Um den veränderten Lebensumständen gerecht zu werden, müssen wir das Arbeitszeitgesetz an die neue Welt der Arbeit 4.0, der Industrie 4.0 und der Gesellschaft 4.0 anpassen.“

DGB: Der oberfränkische DGB-Regionsgeschäftsführer Mathias Eckardt will „diesen Forderungen nach Abschaffung bestimmter Schutzrechte für Beschäftigte nicht einmal im Ansatz folgen“. „Unsere angeblich so starren Arbeitszeitregelungen haben Deutschland bisher nicht daran gehindert, eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt zu werden.“ Dies sei nur mir hochflexiblen Beschäftigten möglich, die sich mächtig ins „Zeug legen“.

Diese müssten aber manchmal erleben, dass ihr Arbeitgeber bei der Arbeitszeitregelung überhaupt nicht flexibel sei. Die berechtigten Forderungen der Beschäftigten nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf würden oft als unmöglich abgetan. „Wer Flexibilisierung nur als Einbahnstraße für betriebliche Interessen versteht, hat die Zeichen der Zeit leider noch nicht erkannt.“

Die Zeit von starren Arbeitszeiten und Stechuhren ist Geschichte.

Forderung nach wochenbezogener Arbeitszeit

vbw: Der Wirtschaftsverband betont ausdrücklich, dass es ihm nicht um eine Erhöhung des Arbeitszeitvolumens, sondern um eine flexiblere Verteilung gehe, „um den Anforderungen von Mitarbeitern und Unternehmen gerecht zu werden“. Thomas Kaeser: „Eine wochenweise Betrachtung bringt ein deutliches Plus an Flexibilität.“ Die Kernforderung: Die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf maximal zehn Stunden müsse aufgegeben und der Spielraum der Europäischen Richtlinie mit einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden ausgeschöpft werden.

DGB: Mathias Eckardt hält entgegen, dass die Begrenzung der täglichen Höchstarbeitszeit „nicht von ungefähr in das Arbeitszeitgesetz kommt“. „Wer schon einmal zehn Stunden am Stück gearbeitet hat, der weiß, wie leistungsfähig er dann noch ist. Dass bei elf, zwölf oder mehr Stunden die Leistungskurve drastisch absinkt und die Unfall- und Fehlerquote deutlich ansteigt, müsste den Arbeitgebern doch eigentlich bewusst sein.“ Wer dann allerdings über zu hohen Krankenstand oder mangelnde Zufriedenheit seiner Mitarbeiter klage, brauche dann jedenfalls keine lange Ursachenforschung zu betreiben. „Das nützt niemandem – weder den Unternehmen noch den Beschäftigten.“

Was ist Arbeit?

vbw: Eine weitere vbw-Forderung lautet, die generelle elfstündige tägliche Mindestruhe zwischen Arbeitsende und nächstem Arbeitsbeginn abzuschaffen. Kaeser: „Denn auch das ist in Zeiten weltweit vernetzter Wertschöpfungsketten und digitaler Kommunikation nicht mehr zeitgemäß.“ Es müsse möglich sein, auch abends kurze Telefonate zu führen oder eine Mail zu verschicken, ohne dass die elfstündige Ruhezeit von neuem zu laufen beginne.

DGB: Die Gewerkschaft pocht auf feste Grenzen, „die auch den Ansprüchen der Menschen entspricht“. Bei Beschäftigten, von denen sehr häufig eine ständige Erreichbarkeit erwartet wird, würden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden. „Damit einhergehend nehmen die psychischen Belastungen deutlich zu.“ Die Folge sei eine Zunahme der Fehltage, was durch Studien der Krankenkassen und der Rentenversicherung eindeutig belegt sei. „Wollen wir diesen Trend in der Zukunft wirklich noch verstärken?“

Umfrage gegen Umfrage

vbw: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sieht Arbeitgeber und Beschäftigte bei den Wünschen nach Flexibilisierung im Einklang. Eine vom Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (bayme vbm)in Auftrag gegebene Umfrage habe ergeben, dass 71 Prozent der Arbeitnehmer in Bayern die gesetzlich geregelten Ruhezeiten zugunsten einer freieren Arbeitszeiteinteilung eintauschen würden. Und 70 Prozent würden ihre Wochenarbeitszeit gerne auf weniger Tage verteilen, um dafür mehr Tage am Stück freizuhaben. Thomas Kaeser: „Wir benötigen mehr individuellen Spielraum, um die gemeinschaftlichen Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern abbilden zu können.“

DGB: Die Gewerkschaft äußert Zweifel an der Aussagekraft der Umfrage, da sich lediglich rund 1.000 Arbeitnehmer an ihr beteiligt hätten. Mathias Eckardt stellt eine Befragung des DGB unter knapp 682.000 Beschäftigten aus dem Bereich der IG Metall vom Februar 2017 entgegen. Die Ergebnisse würden erheblich von denen vom vbw zitierten abweichen. „96 Prozent der Beschäftigten halten es für wichtig, dass es ein Recht auf Abschalten und ein Arbeitszeitgesetz gibt, das der Arbeitszeit auch in Zukunft Grenzen setzt.“

Mathias Eckardt (DGB Oberfranken) und Thomas Kaeser (vbw Oberfranken)

Unterschiedliche Branchen – unterschiedliche Arbeitszeiten

vbw: „Wir brauchen flexible Möglichkeiten, die die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Branchen abbilden“, so eine weitere Forderung der vbw. So gebe es gravierende Unterschiede beispielsweise zwischen Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung. In der Gastronomie und im Baugewerbe spiele das Wetter ein Rolle, in der Industrie komme es darauf an, wann dringende Aufträge hereinkommen oder eine wichtige Zulieferung eintrifft. „Außerdem müssen auch betriebsspezifische Anforderungen abgebildet und individuelle Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Unternehmen berücksichtigt werden können.“

DGB: „Warum haben wir denn zum Beispiel im Hotel- und Gaststättengewerbe die meisten unbesetzten Arbeits- und Lehrstellen?“, fragt Mathias Eckardt. Weil dort schon jetzt die Beschäftigten in zu langen Zeiträumen, in ungünstigen Lagen (nachts, samstags und sonntags), teils auf Abruf und für eine zu geringe Bezahlung arbeiten würden. Wenn dann zusätzlich noch eine „flexiblere Gestaltung der Arbeitszeitregelung“ gefordert werde, müsse man sich nicht über den Fachkräftemangel wundern.

Created By
Michael Ertel
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Credits:

Armin Weigel, dpa; bevisphoto; FP-Archiv

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