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Bevor die Universität auf die Insel zog ein Student der ersten Stunde erzählt

Passend zu unserer Kooperation mit dem SÜDKURIER haben wir für euch mit Nikolaus von Gayling Westphal gesprochen, dem ehemaligen Studierenden mit der Matrikelnummer 2. Gayling ist mittlerweile Land-und Forstwirt. Außerdem im Freiburger Stadtrat vertreten.

„Das ist für mich fast wie eine Reise ins Mittelalter“,

lacht Nikolaus von Gayling Westphal. Er steht in der Konstanzer Altstadt vor dem Haus Brotlaube 1.

„Hier hat alles angefangen, nicht im Inselhotel“,

erzählt er. Im April 1966 war das. Damals war die junge Universität gerade erst gegründet worden und bestand lediglich aus dem Rektor Gerhard Hess, den Gründungsprofessoren und deren wissenschaftlichen Mitarbeitern. Aber um eine Stimme in der Landesrektorenkonferenz haben zu können, brauchte der Rektor Studierende.

„Wir Studierende der ersten Stunde fühlten uns schon als etwas Besonderes“,

erzählt Westphal. Sie hätten sich schließlich nicht bewerben müssen und seien im Prinzip wie Inventar von den Professoren mitgebracht worden.

„Wir fühlten uns fast schon berufen“,

schmunzelt der 75-Jährige.

Die Geschichte der Universität Konstanz begann also nicht im Inselhotel, sondern in verschiedenen Gebäuden mitten in der Stadt - mit nur vier Studierenden.

Nikolaus von Gayling Westphal ist einer davon. Genauer, die Nummer 2. Er kam damals „im Gepäck“ von Ralf Darendorf nach Konstanz. Der Soziologe gehörte zu der ersten Professoren-Generation der Universität und hatte die Idee der Reformuniversität wesentlich mitgeprägt. Als Westphal sich immatrikulieren wollte, wusste die Verwaltung noch gar nicht wie das geht.

Quelle: Universitätsarchiv Konstanz, Akz. 57 Nr. 49 (1)
„Mein Kommilitone, der sich kurz vor mir immatrikulierte und so die Nummer Eins wurde, hieß zufälliger weise auch Nikolaus. Wir mussten der Verwaltung dann erstmal erklären, was eine Immatrikulation eigentlich ist“,

erinnert er sich mit einem Grinsen.

„Ich selbst hatte nie Veranstaltungen im Inselhotel“,

sagt Westphal. Überhaupt, Lehrveranstaltungen im heutigen Sinne hätte es am Anfang sowieso nicht gegeben. Wie auch, im zweiten Semester zählte die Uni immer noch erst rund zwanzig Studierende, erinnert sich Westphal.

„Wir saßen oft einfach bei den Professoren im Büro und haben über den Lehrstoff gesprochen.“

Das Klima sei damals schon sehr besonders gewesen. Einerseits wäre man mit den Professoren total auf Augenhöhe gewesen, schon allein, weil jeder jeden kannte. Allerdings hätte auch jeder für sich selbst Verantwortung übernehmen müssen, weil es keine festen Strukturen gab.

„Wenn wir bei Darendorf im Büro saßen und diskutiert haben, dann hat er das Telefon einfach klingeln lassen und sich für uns Zeit genommen. Das hat uns schon beeindruckt, denn es klingelte oft und er hatte ja mit Gott und der Welt zu tun“,

sagt Westphal.

Den Diskurs- und Diskussionshunger, der der 68er-Generation oft nachgesagt wird, scheint Nikolaus von Gayling Westphal mit seiner ganzen Person zu leben. Den Tatendrang der Gründer-Studierenden hat er sich bis weit über seine Studierendenzeit hinaus behalten. Sitzt man ihm gegenüber muss man sich automatisch fragen, wo eigentlich die eigenen Visionen bleiben. Mit 75 blicken viele zurück und allzu oft bleibt der Blick in der Vergangenheit hängen. Bei Westphal scheint es nur eine immer neue Erinnerung daran zu sein, Neugier und Widerstandsgeist nicht aufzugeben. Politisch war er damals und politisch ist er bis heute geblieben.

Nikolaus von Gayling Westphal

Er war der erste Vorsitzende der Studierendenvertretung AStA, Jürgen Leipold war sein Stellvertreter. 1989 wurden beide in den Konstanzer Gemeinderat gewählt. Westphal für die FDP, zu der er durch Darendorf gekommen war, Jürgen Leipold für die SPD. Nikolaus von Gayling Westphal sitzt immer noch für die FDP im Gemeinderat, allerdings nicht mehr in Konstanz, sondern in Freiburg, seiner Heimatsstadt. Irgendwann, als die Kinder größer waren, habe es ihn wieder zurückgezogen, auch weil er immer dort gearbeitet hat, und pendeln musste.

So sehr er den energetischen und getriebenen Geist der 68er zu verkörpern scheint, so sehr ist auch der Gründungsmythos der Universität Konstanz untrennbar mit dem Klima von 68 verbunden. Politische, rebellische Studierende stören die verschlafene Ruhe eines wohlhabenden und konservativen Touristenidylls. Dieses Narrativ schwingt immer wieder mit, wenn es um die ersten Jahre der Uni Konstanz geht.

„Aber so dramatisch war das damals gar nicht“,

sagt Westphal. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass die Studierenden sich in der Stadt gut aufgenommen gefühlt hätten.

„Wir haben zum Beispiel gegen die Mannschaft der Polizei Fußball gespielt. Die Konstanzer sind uns eigentlich immer mit freundlichem Interesse begegnet.“

Politisch seien sie aber schon aufgefallen, erinnert er sich zurück.

„Wir wurden ein bisschen angeschaut wie Aliens, ich glaube die Konstanzer haben sich schon ein paar Mal gefragt, was wir eigentlich wollen.“

Bei einer Mahnwache für Benno Ohnesorge vor dem Gebäude des Südkurier, damals noch auf der Marktstätte gelegen, waren Westphal und Leipold beide dabei. Trotz, Frust und Unruhe im Angesicht eines neuen Zeitgeistes. In Westphals Erzählungen klingt immer noch nach, was damals Studierende in der ganzen Bundesrepublik auf die Straßen trieb.

Nikolaus von Gayling Westphal und Campuls Redakteurin Vivien Götz

Auch in die regionale Politik mischte sich von Westphal damals ein. Im Sommer 1967 war er in eine, wie es der SÜDKURIER damals nannte, “kultur-politische Affäre“ verwickelt. Der Singener Oberbürgermeister Theopont Dietz hatte Martin Walser, damals noch deutlich linksorientierter als heute, einen Saal für einen Anti-Vietnam Vortrag verweigert. Als Westphal und der AStA der Uni daraufhin Räumlichkeiten der Universität zur Verfügung stellten, war der Eklat perfekt - Dietz war doch in die Gründung der Uni involviert.

„Da haben sie natürlich bei mir angerufen“,

erzählt Westphal mit schelmischem Grinsen.

-Das können sie doch nicht machen, wie sieht das denn aus!- "Aber das hat uns natürlich nicht gestört",

schmunzelt er. Westphal freut sich immer noch über den gelungenen Streich. Am Ende haben die Singener eingelenkt und Walser hat seinen Saal bekommen.

„Wenn ich so erzähle, merke ich erst, wie lange das eigentlich schon alles her ist“,

seufzt Nikolaus von Gayling Westphal, „eigentlich ein ganzes Leben.“ Die lebhaften Augen, denen auch das Alter noch keinen Funken Lebensgeist genommen hat, werden erstmals ruhig und nachdenklich, der Blick verliert sich im Unbestimmten. Was vom Studierenden von damals denn nach so viel Zeit noch übrig ist? Sofort ist das schelmische Funkeln zurück, der Blick wieder scharf.

„Eigentlich bin ich noch derselbe. Genauso neugierig und offen. Ich habe hier in Konstanz gelernt politische Konflikte nicht nur auszutragen, sondern vor allem zu hinterfragen. Gewissermaßen das Kämpfen mit dem Florett und nicht mit dem Holzhammer. Dem bin ich bis heute treu geblieben.“

Text: Vivien Götz, Bilder: Claudia Rind, Layout: Nico Talenta

• Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation von Campuls und SÜDKURIER. Der SÜDKURIER ist ein regionales Medienhaus im Süden von Baden-Württemberg. Neben der Tageszeitung (gedruckt und als digitale Zeitung) betreibt das Haus auch SÜDKURIER Online. An der Kooperation waren Autoren aus der Lokalredaktion Konstanz beteiligt. Alle digitalen Storys der Lokalredaktion gibt es unter folgendem Link:

• Das Kooperationsprojekt „Hochschulstadt Konstanz“ soll die Perspektiven von Lokalzeitung und Studi-Magazin vereinen. Mit vereinten Kräften wollen Campuls und der SÜDKURIER die Stadt Konstanz als vergleichsweise jungen Hochschulstandort beleuchten. Wie kamen Uni und HTWG nach Konstanz? Welchen Einfluss haben die Hochschulen auf die Stadt? Diesen und weiteren Fragen sind wir gemeinsam nachgegangen.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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