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Der Midrasch - oder die Suche nach der göttlichen Offenbarung Dr. Michaela Reißfelder-Zessin

Nach orthodoxer jüdischer Auffassung wurde die Tora Mose von Gott in zweifacher Form am Berg Sinai offenbart: in schriftlicher Form mit den fünf Büchern Mose und in mündlicher Form. Diese mündliche Tradition wurde zunächst in der tannaitischen Zeit beibehalten.

Nach der Zerstörung des 2. Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. war alles, was von alters her fromme Übungen, rituelle Handlungen, Sitten und Gebräuche waren in Gefahr. Wichtig wurde nun die Kodifizierung der mündlichen Überlieferung.

Die Tora als das „Lebensgesetz des Judentums“ sollte sich den wandelnden Lebensverhältnissen und Veränderungen anpassen. Das war das Anliegen des rabbinischen Judentums nach der Zerstörung des 2. Tempels. Die „mündliche Tora“, die eng mit der Bibelauslegung verbunden ist, bildete die Basis für das Bestreben nach konkreter Gegenwartsdeutung.

Der Midrasch

Im Kontext der Kodifizierung der mündlichen Überlieferung und dem Bestreben nach Aktualisierung entstand der Midrasch oder im Plural die Midraschim, der sich vom Verb darash (hebr. suchen, fragen) ableiten lässt. Es geht dabei darum „das Gesetz Gottes zu erforschen“ und entsprechend intensiv "im Buch Gottes nachzuforschen“.

Im rabbinischen Sprachgebrauch bedeutet dies Forschung, Studium und gilt als Theorie vom „wichtigeren Tun“. Dem gegenüber steht der Talmud mit dem alltäglichen Tun. Dieses Studium der Bibel fand im Lehrhaus dem bet ha-midrasch statt. Die Auslegung der Bibel fand nicht willkürlich statt, sondern unterlag theologischen Regeln. Bis auf ein paar Ausnahmen sind die Midraschim in Palästina entstanden.

Der Midrasch als Genre hat in dreifacher Weise Bedeutung:

  • Es ist die Art und Weise rabbinischer Schriftauslegung und der Suche nach Gott mithilfe der Hermeneutik in Form einer „angewandten Exegese“.
  • Es ist das konkrete Ergebnis verschiedener Auslegungen; wie es in verschiedenen Literaturformen vorliegt, die auch als Lehre, Vermittlung oder Predigt zu verstehen ist.
  • Es ist eine Textsammlung, die solche Auslegungen zusammenführt, die in halachischer (hebr. gehen, wandeln) und haggadischer (hebr. erzählen, berichten) Form vorliegen.

Dabei werden frühe und späte Formen der Midraschim unterschieden. Ein Charakteristikum der früheren Midraschim ist, dass die Rabbinen als Autoren der Auslegungen hervorgehoben werden. Dieser Aspekt verschwindet im Laufe der Geschichte. Die älteren Midraschim befassen sich mehr mit der Halacha, also den Gesetzen und ihrer Auslegung. Die jüngeren Midraschim befassen sich mit der Haggada in ihrer prosaischen und erzählerischen Buntheit, die bevorzugt wurde und Eingang gefunden hat in die Lithurgie und den Predigten.

Halachische Midrasch als angewandte rabbinische Exegese

Midrasch basiert auf dem Verständnis der Einheit, „Widerspruchslosigkeit“, Klarheit und Vollkommenheit der Schrift, auch wenn jeder Rabbiner weiß, dass die Bibel mehrdeutig ist. Midrasch bedeutet die kontinuierliche Bearbeitung der Überlieferungen, der Gebote und Gesetze mit dem Ziel der Aktualisierung, der Differenzierung sowie der Adaption älterer Texte an neue Bedingungen.

Die Zukunft sollte im Licht der Vergangenheit interpretiert werden. Es gibt jedoch auch innerhalb des Judentums die Meinung, dass der Midrasch schon in der Bibel verortet ist. In der Mischa Awot V (mAv 5:22) steht von Jochanan Ben Bag-Bag aus dem 1./2. Jh. n. Chr. der bekannte Ausspruch:

„Wende und wende sie (die Tora), denn alles ist in ihr.“ (Stemberger, 2011, 263)

Midrasch und die Schriften von Qumran

Über die Frage, inwieweit in diesen frühen Schriften von Qumran (515 v. Chr. – 70 n. Chr.) schon ein Vorläufer der Midrasch zu finden ist, gehen die Meinungen auseinander. In den Prophetentexten und anderen Textstellen sind Formen von Midrasch zu finden, wo verschiedene biblische Texte in Einklang gebracht werden. In Qumran sind im Sinne von „Lehre, Belehrung“ Formen von Midrasch belegt (midras le-maskil in 4QS b).

Die Qumran-Gemeinde lebte in der Erwartung auf die Erfüllung der Prophetie. Im Pescher, einer Untergattung des Midrasch, der Bibelauslegung in den Schriftrollen am Toten Meer werden Geschichte, Prophetie und Auslegung in einem exegetischen System vermengt (s. Stemberger, 2011, 261). Die Herkunft des Pescher als literarische Gattung der Bibelauslegung wird von der altorientalischen Traumdeutung abgeleitet, die wenig Raum lässt für widersprüchliche und unterschiedliche Auslegung. Die Texte sind stark durch die Bedeutung des Gebets und der Einsicht in die Sünde und der Notwendigkeit von Umkehr, Buße und Reflexion über die Tora geprägt. Jedoch fehlen in den Rollen von Qumran Regeln der Zuordnung von Meinungen, hermeneutische Regeln, kaum intertextuelle Auslegungen, kein Fragen und Antwortschema und es gibt keine Aufeinanderfolge von unterschiedlichen Auslegungen. In Bezug auf den halachischen Midrasch finden sich jedoch sehr wohl Anknüpfpunkte durch unterschiedliche priesterliche Gruppen.

*1 The Pesher Habakkuk Scroll, written in Hebrew, Qumran, Cave 1, 2nd half of the 1st Century of the 1st century BCE, Parchment, Israel-Museum, Jerusalem.

Haggadische Midrasch

Die Haggada kommt ursprünglich aus dem Aramäischen und bedeutet Verkündung, Erzählung, Sage, Fabel, Ansammlung. Die Haggada ist im religiösen Leben der Juden Erzählung und Handlungsanweisung für den Ablauf des Vorabends (Seder) an Pessach. Jedoch wird die Haggada auch als homiletischer Midrasch, d. h. als Auslegungs- bzw. Predigtmidraschim bezeichnet. Sie bietet Predigten zu den Synagogenlesungen der Sabbate und Festtage an.

Diese Form der mündlichen Überlieferung, schöpferischer Geschichtsschreibung mit biblischen Erzählungen, ihren biblischen Gestalten und Widersprüchen umfasst nichtgesetzliche Inhalte, die meist freier, spielerischer, phantastisch-spekulativ, moralisch-ethisch, volkstümlich und nahe der Sagen- und Märchenkunde sind. Die Haggada ist traditionsgebunden und diente als Ausgangspunkt für mystische Strömungen im Judentum. Die Haggada spielt in der Lithurgie der synagogalen Predigt eine bedeutende Rolle. Es werden zwei Hauptrichtungen unterschieden: Die „schöpferische Geschichtsschreibung“ mit den biblischen Erzählungen und Legenden und die „Schöpferische Philologie“, die auf Wiederholungen, Wörter, Sätze, Syntax und auf Semantik achtet (s. Stemberger, 2011, 263).

Bekannte Midraschim unterschiedlicher Perioden sind beispielsweise:

  • die Esther Rabbah aus der Amoräischen Periode,
  • die Midrasch Asheret Ha Dibberoth aus der Geonic Periode und
  • die große Sammlung Midrasch ha-Gadol (MHG) aus dem 14. Jh. der Rischonim Periode (vermutlich) aus dem Jemen.

Midrasch als Literatur

Die häufigste Form der Midraschliteratur ist die Peticha (Eröffnung, Predigt), die in der Lithurgie eine große Rolle spielt. Der Name kommt von einer Formel: Rabbi N. N. patah, „hat eröffnet“, d.h. er hat die Predigt eröffnet.

Der erzählerische Teil der Bibel wird als Midrasch Rabba, „der große Midrasch“ bezeichnet. Rabbinische Erzählungen sind geschlossene Kunstwerke. Der Midrasch kann als Spiel verstanden werden, bei dem es sich um parallele Welten wie in Wundererzählungen, metaphorische Fabeln, biografische Erzählungen oder Legenden mit eigenen Regeln handelt. Diese hatten auch den didaktischen Zweck der Vermittlung von theologischen und ethischen Konzepten. Diese Texte sind anschaulich und gut geeignet für Predigten, welche von einem Darschan, einem Schriftausleger und Prediger, gehalten wurden.

„The Legends of the Jews“, eine sehr lebendige Zusammenstellung von Legenden, vermittelt einen Eindruck vom Midrasch als Literaturgattung und zeigt bildhaft und kraftvoll was vor der Erschaffung der Welt geschah (in eigener Übersetzung):

'Am Anfang 2000 Jahre bevor es Himmel und Erde gab, wurden sieben Dinge erschaffen: Die Tora geschrieben mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer liegend im Schoße Gottes; der göttliche Thron errichtet im Himmel welcher später über den Köpfen der Hayyot (Cherubim/Seraphim) war; das Paradies auf der rechten Seite von Gott, die Hölle auf der linken Seite; der himmlische Chor direkt vor Gott, hat einen Edelstein auf seinem Altar mit dem Namen des Messias eingraviert; und eine Stimme die laut ruft „ Kehrt um ihr Menschenkinder.“…' (Ginzberg, 1968, Bd. 1, 3)

*2 Engraved illustration of the "chariot vision" of the Biblical book of Ezekiel, chapter 1, after an earlier illustration by Matthaeus (Matthäus) Merian (1593-1650), for his "Icones Biblicae" (a.k.a. "Iconum Biblicarum").

Die Bedeutung der Midrasch für die jüdische Tradition

Der Midrasch ist ein gläubiger Umgang mit dem Text der Schrift. Es bedeutet sorgfältiges Hinhören und tiefes Ergründen der Offenbarung Gottes, aber auch, mit Gott ins Gespräch kommen. Die Suche nach und die Auslegung der göttlichen Offenbarung war und ist für das Judentum identitätsstiftend. Midrasch ist der Prozess und ein Weg, in welchem ein friedliches Israel sich selbst finden kann.

Weiterführende Literatur:

  • Boyarin, Daniel, Intertextuality and the Reading of Midrash, Bloomington, IN, Indiana University Press, 1990.
  • Encyclopaedia Judaica, Edited Skolnik, Fred/Berenbaum, Michael, Keter Publishing, Jerusalem 1971-1996, 2007.
  • Encyclopaedia of Midrash, Leiden, Bd. 1+ Bd. 2, Edited by Neusner, Jacob/ Peck, Alan. J. Avery, Brill, Leiden, Boston, 2005;
  • Ginzberg, Louis, The Legends Oft The Jews, Bd. 1, The Jewish Publication Society of America, Philadelphia, 1968.
  • Langer, Gerhard: Midrasch, Mohr Siebeck, Tübingen, 2016.
  • Spuler, Berthold (Hrsg.), Handbuch der Orientalistik, Religion, Bd. 8, Leiden/Köln, E.J. Brill, 1961, 348-355.
  • Stemberger, Günter: Einleitung in Talmud und Midrasch, Beck Verlag, München, 2011.

Bildernachweis:

  • *1 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pesher_Habakkuk_Scroll.JPG. Schriftrolle von Qumram, 1QpHab, zweite Hälfte des ersten Jh. v. Chr. Spalte 7 und 6 von 14 Spalten insgesamt. Höhe 14 cm, Gesamtlänge aller 14 Spalten 148 cm. Gezeigt im Israel-Museum, Jerusalem. Autor unbekannt.
  • *2 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ezekiel%27s_vision.jpg. From "L'Histoire du Vieux et du Nouveau Testament", Nicolas Fontaine (author). Call Number at Pitts Theology Library: 1670Font.

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