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Einer mit einem Fensterplatz Egal, wo er gerade sitzt

Der Pfäffiker David Honegger mietet Karusselle, kauft wohnwagen und lässt aufwändige Kleider schneidern, um diese auf verlassenen Feldern zu fotografieren. Wie er darauf kommt, weiss er selber nicht genau. Diese Geschichte erschien bereits auf züriost.ch. Um Ihnen die Festtage zu versüssen, gibt es eine Auswahl der besten Porträts des Jahres.

Auf dem Parkplatz eines Pfäffiker Doppelhauses, leicht abseits vom Dorfkern, steht ein halbierter Wohnwagen. Das Inventar wirkt etwas schief, etwas dreckig und sehr verbraucht. Es riecht nach den vergessenen Polstermöbeln auf Grossmutters Estrich.

In drei Tagen wird auf dem Parkplatz des Pfäffiker Doppelhauses ein Traktor vorfahren, den halben Wohnwagen anhängen, zu einem Feld in der Nähe fahren und das schäbige Ding wieder deponieren. Dort auf dem Pfäffiker Feld finden sich dann sieben Models, eine Haar- und Makeupverantwortliche und drei bis vier Helfer ein. Und David Honegger, Besitzer des halben Wohnwagens und Fotograf. Am Ende des Tages wird, sofern alles gut geht, eine Bildserie mit dem Titel «The Story of an Antihero» entstanden sein.

Jetzt steht Honegger noch auf dem Parkplatz, die Kamera liegt oben im geräumigen Dachzimmer. Er wohnt hier mit den Eltern und der kleinen Schwester, er ist erst am letzten Heiligabend 18 geworden.

Das zarte Alter sei für seine Arbeit bisher noch nie ein Problem gewesen. Eher führe seine Frisur zu Verwirrung, manchmal halte man ihn für eine Frau: Honegger trägt die dunkelblonden Haare halblang, eine schwarze Schirmmütze halten sie davon ab, ihm ins Gesicht zu fallen. Er ist eher klein gewachsen, die Gesichtszüge sind weich, die drahtige Brille steht ihm gut. Ihn stören diese Verwechslungen nicht, «nein, gar nicht, wieso auch, manchmal tuts mir ein bisschen leid für mein Gegenüber».

Das Schaf ist ein Kleid

Honegger klappt sein Notizbuch auf. Man sieht: Einen Vogel, der in ein qualmendes AKW stürzt. Vielleicht auch eine regnende Wolke mit einem Engel drauf. Oder wenn man noch etwas mehr Fantasie aufbringt, einen Reiter auf einem Schaf mit sehr langen Beinen. Das alles könnte man in der groben Filzstiftskizze sehen. Es ist das «Storyboard», der Anfangspunkt für Honeggers neustes Projekt. «Kim Hagen, die das Kleid nähte, lachte auch laut, als ich ihr diese Zeichnung das erste Mal zeigte und sagte das wolle ich gerne machen.»

«In meinem Kopf herrscht permanent Chaos.»

Eigentlich hatte Honegger einmal mit Landschaftsfotografie angefangen. «Aber dann habe ich gemerkt, dass ich nicht so viel wandern mag.» So kam er weg von den Landschaften und hin zu den Porträts. «Irgendwann hatte ich die Idee, eine Kollegin in einem Wald mit einem Klavier zu fotografieren.» So kam er weg von normalen Porträts und hin zu ziemlich verrückten Projekten.

Foto: David Honegger

Honegger klappt den Notizblock zu, das Macbook auf und öffnet das Endprodukt, das aus der vermeintlichen AKW-Skizze geworden ist. Die Fotoserie «Head in the Clouds» hat er gerade erst fertiggestellt: Eine junge Frau in einem langen Kleid sitzt auf einer Plattform, die von Ballonen getragen im nebligen Nachthimmel zu schweben scheint, zurückgehalten lediglich von zwei Männern, welche die mit der Plattform verbundenen Seile angestrengt festhalten.

Das Kleid für «Head in the Clouds» liess Honegger nähen, das Gerüst für die Plattform bauen, die Seile und die Kostüme für die Männer hat er gemietet, die Heliumballone hat er eingekauft, die Nebelmaschine und die Beleuchtung besass er schon, das Feld liess ihn ein Bauer benutzen. Die Helfer und Models fand er wie meistens über Instagram und Facebook. «Es melden sich viele, die sagen, sie würden gerne mitmachen, die meisten davon unentgeltlich.» Darum sei er froh, denn eine Weile habe er Freunde mit seinen Ideen gequält und das sei ihm jeweils unangenehm gewesen.

Karussell, Stofftiere, Lama

Auf Honeggers Website findet man mittlerweile zwölf dieser Fotoserien: Für eine hat er ein Karussell und ein Pferd auf ein einsames Feld transportiert. Für eine andere einen Raum mit Stofftieren ausgekleidet und für eine dritte Lamas gemietet. Wo er diese Ideen hernehme, wisse er eigentlich auch nicht so recht: «Inspiration gibt es überall, zum Beispiel in speziellen Gesichtern, aber woher dann die konkreten Ideen kommen: Keine Ahnung. In meinem Kopf herrscht permanent Chaos.» Das sei schon immer so gewesen, er sei ein Chaot, ein Träumer, einer mit einem Fensterplatz, egal, wo er gerade sitze. Wenn man ihm das nicht anmerke, dann nur deshalb, weil er das Chaos eben in seinem Kopf eingesperrt habe und die Fotografie als Ventil benutze. Bevor er das Fotografieren entdeckt hat, sei es die Musik gewesen, Honegger hat lange Schlagzeug gespielt.

Foto: David Honegger

Tatsächlich merkt man ihm das Chaos im Kopf nicht an, Honegger wirkt ruhig und konzentriert, seine Antworten sind bedacht und präzise. Die Hände hält er in den Taschen der etwas zu grossen blauen Jacke verborgen. Nur seine Füsse scheinen ein Eigenleben zu führen. Sie stecken in rosa geblümten Socken und diese wiederum in roten Stoffschuhen. Aus denen rutschen die Füsse permanent unruhig raus- und wieder rein, schieben die Schuhe hin und her. Vielleicht sammelt sich Honeggers Chaos an den Polen.

«Ich fand meine Lehre langweilig und bin immer unglücklicher geworden. Da hat mir Lorenz Walter vom Photobus einen Ausweg gezeigt.»

Was an Arbeit und Geld in einer seiner Fotoserie stecke, könne er auch nicht wirklich beziffern, sagt Honegger. Buch führt er nicht, abgesehen von seinem Notizbuch natürlich. Es kümmert ihn auch nicht, er fotografiere, weil es das ist, was ihm momentan Spass mache. Verdienen tut er mit seinen Monster-Projekten nichts, ausgestellt hat er die Arbeiten noch nie. Zwar fände er das schon eine gute Sache. «Aber das zu organisieren wäre Arbeit und bis jetzt habe ich mir immer gedacht, eigentlich brauche ich diese Zeit lieber für ein neues Projekt.»

Foto: David Honegger

Die Möglichkeit, die zwar nicht bezifferbare aber sicher beträchtliche Menge an Zeit und Geld zu investieren, hat Honegger dank seines «Brotjobs»: Für das Wetziker Unternehmen Photobus arbeitet er als Foto- und Videograf. Zwar fast 100 Prozent, «aber halt flexibel». Diese Freiheit zu haben, das sei für ihn das Allerwichtigste, sagt Honegger. Die Lehre als Fotofachmann hat er vor gut einem Jahr «erfolgreich abgebrochen». «Ich fand meine Lehre langweilig und bin immer unglücklicher geworden. Da hat mir Lorenz Walter vom Photobus einen Ausweg gezeigt.» Walter sei sowieso prägend für ihn: «Von ihm habe ich viel Technisches über Fotografie gelernt.» Und auch die Frage nach einem Vorbild beantwortet Honegger mit «ja, also schon vor allem Lori.» Aber vielleicht das Wichtigste sei: «Durch ihn habe ich realisiert, wie viel möglich ist, wenn man sich ganz in eine Idee hineingibt und einfach mal macht.»

Der Wohnwagen hat indes nur neun Franken gekostet. Honegger hat mehrere Auktionsseiten gut zwei Monate beobachtet, bis er ihn gefunden hat. Noch sei er nicht nervös für das Shooting in drei Tagen. Aber das komme dann noch. Nach dem ganzen Aufwand sei es ihm jeweils schon sehr wichtig, dass es gut komme. «Ich bin dann immer ganz hibbelig», sagt er und hält ausgerechnet jetzt für einmal seine Füsse still.

Weitere Informationen: www.daveho.ch

Text: Xenia Klaus

Fotos: Nicolas Zonvi, sofern in der Bildzeile nicht anders vermerkt

Und das ist schliesslich aus dem halbierten Wohnwagen geworden. Foto: David Honegger
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Xenia Klaus
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