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Ein Mann wie ein Baum: Der schweigsame Franke war ein Held in der Königsklasse Von Frank Jungbluth

Ich habe gezittert und die Tränen flossen, als Guido Kratschmer, der Held meiner Kindheit und frühen Jugend, an jenem Abend des 30. Juli 1976 im fernen Montreal beinahe bewusstlos nach dem 1500-Meter-Lauf im Zehnkampffinale auf dem Boden lag. Gott sei Dank: Der frühere Sportfördersoldat war nur erschöpft nach dem Kampf um die Silbermedaille.

Großheubach im Maintal, von Spessart und Odenwald umarmt. Es sind die 1960er Jahre. Ein Bauernhof, der Klotzenhof, auf dem am 10. Januar 1953 ein Mann zur Welt gekommen ist, der ein Held werden wird. Ein junger Mann mit einem großen Traum. Wann immer die Arbeit auf dem Bauernhof der Familie es erlaubt, nimmt Guido Kratschmer die einfache Eisenkugel, die er in der Nähe gefunden hat, lernt die Technik auswendig, die in einem kleinen Handbuch aufgeschrieben ist. Dann fliegt die Kugel im Bogen in die Luft. Der junge Mann übt weiter, immer weiter, immer ...

Einige Jahre später. Ein Sportfest, es geht um die Deutschen Meisterschaften. Guido Kratschmer, der Junge aus dem Maintal, ist inzwischen ein junger Mann. Groß, schweigsam, bedächtig, zielstrebig, unaufhaltsam. Der Tod seiner Mutter hat ihn früh den Ernst des Lebens gelehrt. Aber er ist ein Zehnkämpfer, der Hürdenlauf über 110 Meter ist seine Spezialität. Er will den Titel, er gewinnt den Titel. Zehnkämpfer sind stark, stabile Persönlichkeiten. „Sonst wird das nichts“, weiß Guido Kratschmer. „Man muss sich immer wieder selbst aufrichten können, auch wenn es gerade nicht gut läuft. Das ist nichts für schwache Nerven.“

Gudio Kratschmer hat ein Idol. So, wie alle Jungen seiner Zeit. Seines ist Willi Holdorf. Kratschmer sitzt in der Stube des Klotzenhofes im fränkischen Maintal vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, als Holdorf bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio als erster deutscher Zehnkämpfer Gold gewinnt. In einem atemberaubenden Finale über die 1500 Meter.

2014 trifft Guido Kratschmer (r.) bei der Gala "Sportler des Jahres" das Idol aus seiner Jugend: Den Zehnkämpfer Willi Holdorf. Foto: picture alliance / Sven Simon | FrankHoermann/SVEN SIMON

Zwölf Jahre später steht Guido Kratschmer im Olympiastadion der kanadischen Stadt Montreal. Es ist der Abend des 30. Juli 1976. Millionen schauen weltweit zu, wie der junge 23-jährige Deutsche ins Finale geht. Es sind die 1500 Meter. „Nicht meine Lieblingsdisziplin“, sagt der große und bis heute athletische Franke. Er lacht dabei. „Die Strecke ist für jeden Weltklasse-Zehnkämpfer die Hölle.“ Am Ende ist der US-Amerikaner Bruce Jenner vor ihm. Aber Kratschmer hat dem älteren Konkurrenten bei den ersten Disziplinen des Zehnkampfes bewiesen, was in ihm steckt. Da lag er vorne. Am Ende muss er sich mit dem zweiten Platz abfinden. Kratschmer: „Es war trotzdem ein großes Gefühl. Wenn du ein großer Sportler werden willst, musst du es zu den Olympischen Spielen schaffen. Das ist der Traum, das ist der Antrieb. Jeder, der in seiner Sportart gut ist, will das.“

Diskus- und Speerwurf, Kugelstoßen, Weitsprung, die 400 Meter, der Hürdenlauf – das waren Kratschmers Spezialitäten. Er war Weltklasse und hätte, da sind sich alle Experten einig, mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Sommerspielen 1980 in Moskau Gold geholt. „Zwischen 21 und 30 ist man als Zehnkämpfer am stärksten, mit 27 hat man den absoluten Höhepunkt dessen erreicht, was man abrufen kann“, sagt Guido Kratschmer. Er war 27, als die Olympischen Spiele in Moskau gefeiert wurden. Nur war die Mannschaft der Bundesrepublik nicht dabei. Westdeutschland stand treu zum Partner USA und die boykottierten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges die Spiele, weil die Armee der Sowjetunion ein Jahr zuvor in Afghanistan einmarschiert war.

„Gebracht hat der Boykott nichts. Das wussten wir schnell“, sagt Guido Kratschmer. 1984 bei den Spielen von Los Angeles greift der damals 31-Jährige noch mal an. Aber es war, wie er sagt, der Moment zu spät, die Leistungskurve zeigte nach unten. Kratschmer wurde Vierter. Vor ihm die Mannschaftskameraden Siegfried Wentz und Jürgen Hingsen. Gold holte der Brite Daley Thompson. Bei Kratschmer waren es die Jahre, die ihn vom Gold trennten, bei Jürgen Hingsen die Nerven. Thompson war der mental Überlegene.

Der deutsche Zehnkämpfer Guido Kratschmer bei den Olympischen Sommerspielen am 30. Juli 1976 im Olympiastadion in Mexiko-Stadt im abschließenden 1500-m-Lauf. Der Mainzer schafft am Ende eine Zeit von 4:29,1 min und gewinnt mit der bundesdeutschen Rekordpunktzahl 8.411 die Silbermedaille. Foto: picture-alliance / dpa | Roland Witschel

Als Guido Kratschmer 1972 zur Bundeswehr kommt, weiß man um seine Erfolge als deutscher Jugendmeister und um sein Talent, ein ganz Großer zu werden. Nach der Grundausbildung in Wolfhagen kommt er in die Sportfördergruppe nach Mainz. Vormittags eher ein entspannter Dienst und nachmittags genug Zeit fürs Training. „Das war eine großartige Unterstützung. Man hat uns die Zeit gegeben, in unserer Sportart besser zu werden.“ Das zahlt sich aus für Guido Kratschmer. Er startet bei Militärmeisterschaften, kommt immer besser in Form. 1974 bei den Europameisterschaften in Rom holt er die Bronzemedaille im Zehnkampf, 1976 dann sein größter Erfolg in Montreal. 1975 bis 1980 wird er sechs Mal in Folge Deutscher Meister im Zehnkampf.

Decathlon nennen die Griechen die Königsdisziplin der Leichtathletik, den Zehnkampf. Deca ist in der griechischen Sprache die Zehn, athlon ist – übersetzt – die Heldentat. Sind Sie ein Held, Herr Kretschmar? „So weit gehe ich nicht“, sagt der heute 67-Jährige. „Ich habe meinen Sport geliebt, ich habe hart trainiert, ich wollte etwas erreichen.“ Dafür verzichtet er auf Alkohol und Zigaretten, treibt lieber Sport, wenn die anderen feiern. „Das war bei uns auf dem Land so, damit war ich nicht allein“, erinnert er sich. „Ich habe mir aus Alkohol und Zigaretten nichts gemacht, bis heute nicht“, sagt der eher schweigsame Franke.

Daheim in Großheubach am Main haben sie eine Sporthalle nach ihm benannt. Seine Silbermedaille von Montreal hat er gut aufbewahrt. Guido Kratschmer, der nicht nur Landwirt, sondern auch Lehrer ist, lebt heute in der Nähe von Mainz. Aber seine Medaille aus Montreal will er den Sportfreunden in der fränkischen Heimat vermachen. „Das ist versprochen.“

Die verpasste Goldmedaille hat ihn manchmal beschäftigt, aber Guido Kratschmer hat das auf seine Art mit sich ausgemacht. Bei einem Wettbewerb kurz nach dem Boykottbeschluss von 1980 hat er einen Weltrekord im Zehnkampf aufgestellt. 8649 Punkte, ein Fabelrekord, mit dem er 30 Jahre lang in der ewigen Liste der 20 Weltbesten eingetragen war. Bruce Jenner reichten vier Jahre zuvor 8618 Punkte für olympisches Gold. 1988 wollte Guido Kratschmer es noch einmal wissen, kämpfte in der Qualifikation für die Sommerspiele in Seoul. Wenige Wochen zuvor riss beim 100-Meter-Lauf eine Achillessehne. Das war das Ende.

Kratschmer, der zeit seines Lebens der Leichtathletik eng verbunden war und immer noch ist, arbeitete nach seiner aktiven Zeit als Trainer und Berater, arbeitet bis heute bei seinem USC Mainz mit, wo er Ehrenmitglied ist, und hat die Höhen und Tiefen der deutschen Zehnkämpfer miterlebt. Niklas Kaul, Kratschmers Vereinskamerad beim Universitäts-Sportclub, wurde 2019 Weltmeister im Zehnkampf. „Ein klasse Sportler“, bewundert Kratschmer den „Enkel“.

Der legendäre Zehnkämpfer Gudio Kratschmer wurde ein enger Freund seines Idols Willi Holdorf. „Der Willi ist leider im vergangenen Jahr verstorben“, sagt er. Aber der Tod kann Legenden nicht beenden. Guido Kratschmer bleibt der Held, der nie viele Worte machte, aber mit sehr viel Leistung überzeugte. „Ich habe immer alles gegeben“, sagt er.

Guido Kratschmers größter Triumph: Die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976. Nur der US-Amerikaner Bruce Jenner holt mehr Punkte. Foto: picture alliance/dpa