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Angekommen im richtigen Leben. Geboren im falschen Körper.

Text und Fotos Dan Furrer

Nach einem halben Leben wird Lukas zu Monika. Der Weg bis zur Monika war eine lange und schmerzhafte Odyssee. Doch für Monika Nabholz war dieser Schritt wichtig und richtig. Heute chauffiert sie als selbstbewusste Frau grosse Trucks und realisiert ihr eigenes Web-Portal.

Stellen wir uns einmal vor, der Schöpfer würde uns heute die einmalige Chance geben, einen Mann zu erschaffen. Also wenn schon Mann, dann richtig Mann. Gross soll er sein, sagen wir einmal 192 Zentimeter. Hände wie Bratpfannen und Füsse, die mit Schuhwerk Grösse 48 bekleidet sind. Der Bartwuchs markant über kantigem Kinn, die sonore Stimme verschafft sich Raum. Fehlt da noch etwas? Richtig, geben wir unserer Schöpfung noch einen adäquaten Penis, und fertig ist der Mann. Wirklich?

Der kleine Lukas

Der kleine grosse Unterschied wurde Lukas im zarten Alter von vier Jahren zum ersten Mal bewusst. Mädchenkleider faszinierten ihn. Magisch zog ihn diese rosa-zarte Welt in ihren Bann. Fürwahr nicht aussergewöhnlich, wenn Buben mal mit Puppen spielen oder sich mit Schwesterleins Röckchen schmücken. Dies aber war der Beginn einer Metamorphose, die sich zunächst sanft wie ein Schleier über sein Leben legte und ihm dieses später beinahe grob entriss.

Die erwachsene Monika
Am 2. Oktober 1969 um 18:45 Uhr, wurde Monika als Lukas in Zürich-Fluntern geboren.

Lukas war anders

Dies war der Beginn einer Reise, bei der das Ziel nicht bekannt war.

Das EKG des Herztaktes der Schweizerischen Bundesbahnen.

Mag sein, dass daher die tiefe Faszination des zwölfjährigen Lukas für SBB-Fahrpläne aller Couleur erwachte. Während sich seine Altersgenossen den «Bravo-Starschnitt» von angesagten Musikern und Filmsternchen an die Wand hefteten, waren seine Objekte der Begierde mathematisch anmutende Formeln, die das Woher und Wohin analytisch definierten. Da gab es kein Wenn und auch kein Aber. Schon gar kein Eventuell. Das war das EKG des Herztaktes der Schweizerischen Bundesbahnen. Lukas sammelte alle Fahrpläne. Grosse, laminierte und solche im Westentaschenformat. Sie alle fanden einen Platz an den Wänden seines Zimmers.

Endlich erschloss sich ihm auch der Sinn einer Zimmerdecke. Jetzt konnte er auch im Bett liegend das Woher und Wohin in sich aufsaugen. Auch wenn sich die elterlichen Blicke stolz, aber verstohlen trafen, wenn sich Nachbarn und Verwandte darüber erstaunt amüsierten, dass der Kleine ja auch die ganzen Zugverbindungen rund um den Zürichsee frei aus dem Kopf rezitieren konnte. Lukas war anders. Die Freude der Eltern hielt sich in Grenzen. Und diese Grenze wurde irreversibel an einem sonnigen Sonntagnachmittag verletzt. Die Eltern kamen unverhofft früher vom Verwandtenbesuch zurück ins traute Heim. Da stand sie, die Grenzüberschreitung, in Mutters Rock und auf deren hohen Absätzen im bürgerlich-biederen Wohnzimmer. Die Reaktion war schmerzhaft. Physisch wie psychisch. Es waren nicht die ersten Schläge, die Lukas vom Vater empfing. Aber diese schmerzten tiefer. Gesprochen wurde nie über das Woher oder das Wohin. Im Gegenteil. Die unsichtbaren Wände isolierten ihn fortan. Es war, als habe er sich im Labyrinth dieser Wände verloren. Seines Platzes beraubt, im Vakuum parkiert. Nicht mehr Knabe, noch nicht Mädchen.

Von nun an sagte sie, wohin die Reise geht.

Dieses Mädchen jedoch erwachte zusehends wie eine Blume, liess sich nicht mehr verstecken, nahm sich Raum und gab sich einen Namen: Monika. Sie war ein freches, rebellisches Mädchen mit Zöpfen, fast schon eine Pippi Langstrumpf, die sich von niemandem etwas sagen liess. Von nun an sagte sie, wohin die Reise geht. Sie ging gegen Ende der Schulzeit ins Letzigrund- und ins Hardturm-Stadion, wo Monika mit ihrem Charme erfolgreich Magenbrot, gebrannte Mandeln und Eiscrème verkaufte. Der Zürcher Radiomoderator Markus Gilli war damals Stadionsprecher. Die selbstbewusste Monika spendierte ihm jeweils ein Säckchen Magenbrot und verpflichtete ihn auch gleich für ihr erstes Interview, das sie für die Schule führen durfte. Sein Lob hallte Jahre nach im Kopf der kleinen Monika. Sie machte dann eine Lehre im Detailhandel, wo sie reüssierte.

Von nun an zeigte Monika der Welt übermütig ihre weibliche Seite mit adäquaten Kleidern und Accessoires. Und die Welt zeigte Monika immer öfter, dass der kleine Unterschied zu gross war.

Monika litt sehr unter der Diskrepanz zwischen innen und aussen. Da wuchs eine Frau in diesem Mann und wollte einfach nur noch Monika sein. Sie wusste, wo sie hingehörte, ausser auf öffentlichen Toiletten und in Umkleideräumen. Diese Zerrissenheit keimte still in ihr weiter und wuchs wie ein fressendes Geschwür.

In dieser Nacht starb Lukas.

Um für einen Tag Monika sein zu können, reiste sie nach München, wo sie niemand kannte. Die Ehe mit einer Thailänderin, welche die mittlerweile 27-Jährige in der Schweiz führte, mündete in einem Fiasko. Monika wollte nicht mehr mit Lukas. Und Lukas konnte nicht mehr mit Monika. Um deren finalen Entscheid gegen das Leben zu verhindern, brachte man beide in eine psychiatrische Einrichtung. In dieser Nacht starb Lukas.

«Da, wo einst dieses ‹dumme Ding› hing, war nichts mehr, ausser Schmerz.»

Auf neuen Wegen

Dies war die Geburt des Schmetterlings, der seine Zeit als Raupe hinter sich gelassen hatte. Die mittlerweile 40-jährige Monika machte mehrere Hormontherapien. Zuletzt folgten sehr komplexe chirurgische Eingriffe. Dann der Moment nach dem Erwachen. «Da, wo einst dieses ‹dumme Ding› hing», wie Monika heute augenzwinkernd meint, war nichts mehr, ausser Schmerz. In ihr neues Dasein erwacht, baute Monika ihr Leben radikal um.

Selbstbewusst entschied sie, die LKW-Prüfung für schwere Maschinen abzulegen. «Da haben einige grosse Augen gemacht», sagt die humorvolle Zürcher Unterländerin. Die Ausbildung zur Disponentin für Logistik und Transport an der Fachschule Winterthur war nur der Beginn einer fortwährenden Bildungsreise.

«Da mich niemand einstellen wollte, habe ich eben meine eigene Firma gegründet.»

Heute betreibt Monika Nabholz erfolgreich das Internetportal «Logistik-Aktuell», produziert und moderiert Schulungsfilme oder macht Coachings bei Arbeitskonflikten. «Da mich niemand einstellen wollte, habe ich eben meine eigene Firma gegründet», sagt die heute 52-Jährige lachend. Sie setzt sich mit ihrer Pro Green Logistik für Umweltthemen ein, und natürlich chauffiert sie auch noch ihre schweren Camions über Helvetiens Strassen, ganz nebenbei.

Man kann sich der sprudelnden Energie dieser 192 Zentimeter grossen Frau kaum entziehen und glaubt ihr jedes Wort, wenn sie gestenreich über ihre Zukunftspläne doziert. Noch immer auf der Reise, und doch angekommen.

Bis zum heutigen Tag verweigert ihr familiäres Umfeld jeglichen Kontakt zu Monika. Nach zahlreichen Versuchen hat sie sich damit abgefunden.

Impressum: Konzept, Text und Fotos: Dan Furrer - Produktion: Dan Furrer - Bilder aus Privatarchiv Monika Nabholz redaktion@derarbeitsmarkt.ch - www.derarbeitsmarkt.ch

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Magazins «blickwinkel», dessen Frühlingsausgabe 2021 dem Thema «Standortbestimmung» in unterschiedlichsten Facetten gewidmet ist.

Mai 2021

Created By
Dan Furrer
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